Wie zwei Irrflieger beinahe den Dritten Weltkrieg ausgelöst hätten

Mitten in einer der heißesten Phasen des Kalten Krieges flogen zwei junge Piloten der Bundeswehr ihre Jagdbomber 1961 aus Versehen tief ins Gebiet der DDR. Sowjetische Jäger waren bereits gestartet. Die Welt entging vielleicht nur knapp einem Dritten Weltkrieg.

Die Spannung war hoch in diesen Tagen und Wochen 1961. Am 13. August hatte die DDR begonnen, Ost-Berlin mit Sperranlagen vom Westteil der Stadt abzusperren. Die Westdeutschen forderten eine Reaktion der Westalliierten und der Bundesregierung. Die DDR-Spitze und der Große Bruder in Moskau waren sich keineswegs sicher, wie der Klassenfeind reagieren würde.

Es war Zufall, dass in diesen Tagen ein großes Manöver der Nato unter dem Namen „Check Mate“ (Schachmatt) in Teilen West-Europas stattfand, aber dieser Zufall gab ihr die Möglichkeit, Stärke und Entschlossenheit zu demonstrieren.

Auch die Flüge des 23-jährigen Feldwebels Peter Pfefferkorn und des vier Jahre älteren Stabsunteroffizier Hans Eberl waren Teil des Manövers. Die Uhr zeigte auf 13.49 Uhr an diesem 14. September, als die zwei jungen und unerfahrenen Piloten der westdeutschen Luftwaffe mit ihren „Republic F-84F Thunderstreak“-Jagdbombern im bayerischen Lechfeld aufstiegen.

Ihr Auftrag: Sie sollten ein Dreieck fliegen – vom bayerischen Lechfeld über das südlich von Würzburg gelegene Giebelstadt und dann westwärts nach Chatillon-sur-Marne bei Reims, also tief in französisches Gebiet. In den nächsten 26 Minuten lief alles nach Plan. Um 14.15 Uhr überflogen sie Giebelstadt.
Statt nach Frankreich flogen die Piloten in die DDR

Doch dann ging irgendetwas schief. Was in der Folge passierte, erzählt Heiner Möllers, Oberstleutnant der Luftwaffe, in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Militärgeschichte“ ebenso detailliert wie spannend. Statt nach Westen schwenkten die beiden Maschinen nach Osten, statt nach Frankreich ging es direkt in den Luftraum der DDR. Westdeutsche Radarstationen erfassten und verfolgten sie. Sie erkannten, dass die beiden jungen Piloten über Göttingen flogen, dann aber in den DDR-Luftraum eindrangen, Köthen und Wittenberg erreichten und schließlich durch eine große Linkskurve Ost-Berlin überflogen.

Als sie wieder südlich von Berlin waren, griff die US-amerikanische Luftraumkontrolle von West-Berlin ein und lotste die beiden Maschinen zum Flugplatz Tegel im französischen Sektor. Um 15.29 Uhr landeten sie dort. 40 Minuten nach dem Start ihres Irrflugs waren die beiden jungen Piloten wieder sicher auf dem Boden. Der Plan, sie auf dem viel stärker frequentierten Flughafen Tempelhof landen zu lassen, war schnell wieder aufgegeben worden. Dort wären die zwei Bundeswehrmaschinen sicher aufgefallen.
Die Lage hätte leicht eskalieren können

Natürlich war auch den sowjetischen Streitkräften der Flug der beiden Bundeswehr-Jagdbomber über ihrem Machtbereich nicht unbemerkt geblieben. Rasch stiegen Jäger in die Luft, doch ehe sie eingreifen konnten, waren die zwei Maschinen gelandet. Die Lage hätte rasch eskalieren können, denn die Sowjets wussten ja nichts über die Gründe für den Verstoß gegen ihre Lufthoheit. Sie hätten auch zu dem Schluss kommen können, es handele sich um einen Angriff. Doch hätten sie die beiden Maschinen abgeschossen, hätte das wiederum zu sehr ernsthaften Reaktionen des Westens führen können.

Wie gespannt die Lage damals war, sollte sich nur wenige Wochen später zeigen, als es zu der noch heute berühmten Auseinandersetzung zwischen Amerikanern und Sowjets am Checkpoint Charly in der Berliner Friedrichstraße kam. Damals stand die Welt am Rande des Dritten Weltkrieges, als sich Panzer beider Seiten unmittelbar gegenüberstanden. Ähnlich angespannt wäre die Lage gewesen, wenn die beiden westdeutschen Maschinen abgeschossen worden wären.
Verteidigungsminister Strauß forderte Konsequenzen und Strafmaßnahmen

Die Bundesregierung bemühte sich vor diesem Hintergrund, sich glaubhaft in Ost-Berlin zu entschuldigen und klar zu machen, dass es sich nicht um eine gezielte Verletzung des DDR-Luftraumes gehandelt habe, sondern um menschliches Versagen. Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß tobte und forderte Konsequenzen und Strafmaßnahmen.

Zunächst wurden die beiden Piloten ziemlich hart herangenommen. Sie wurden inhaftiert, von den französischen Militärbehörden befragt und erst nach fünf Wochen entlassen und in die Bundesrepublik zurückgeschickt, wo sie erneut Befragungen ausgesetzt wurden. Der Traum vom Fliegen hatte sich für beide erledigt, denn sie wurden zum Bodendienst versetzt.
Mangelnde Vorbereitung der Flüge

Doch das reichte Strauß nicht aus. Er wollte dringend die Gründe für das schlimme Missgeschick wissen. Tatsächlich lagen diese im Dunklen und sind bis heute nicht vollends aufgeklärt. Wahrscheinlich waren einerseits schwierige Wetterverhältnisse – Wolken und ein starker Wind – verantwortlich. Vor allem aber schien die Vorbereitung des Fluges durch die beiden Piloten äußerst mangelhaft gewesen zu sein – angesichts ihrer geringen Flugerfahrung war das besonders verwerflich.

Schlussendlich verantwortlich dafür war ihr Vorgesetzter, Oberstleutnant Siegfried Barth, den Strauß auch prompt ohne die normalerweise fällige Beförderung zum Bodendienst versetzte. In der Bundeswehr und auch in den Medien sorgte dieser Schritt für große Empörung. Als auch der Wehrdienstsenat beim Bundesdisziplinarhof ein halbes Jahr später die Ablösung als ehrabschneidend empfand, sah sich Strauß gezwungen, Barth doch noch zu befördern.

Schließlich standen die West-Alliierten noch vor dem Problem, was sie eigentlich mit den beiden Maschinen anfangen sollten. Ein Rückflug unter den Emblemen der Bundeswehr kam nicht in Frage, weil das streng verboten war. Die Amerikaner folgten auch nicht der Idee, die beiden Jagdbomber unter ihren Hoheitszeichen zurück nach Lechfeld zu fliegen. Schließlich wurden die beiden ja ohnehin veralteten Flugzeuge zerlegt und die Teile in Tegel vergraben. Als zehn Jahre später der Flughafen Tegel ausgebaut wurde, kamen sie wieder zum Vorschein und wurden nun endgültig verschrottet.

 

Nachrichtenquelle: http://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/schlimmes-missgeschick-wie-zwei-irrflieger-beinahe-den-dritten-weltkrieg-ausgeloest-haetten_id_7319691.html

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