Weiß zu sein zahlt sich aus

Weniger Jobs, weniger Geld, schlechtere Chancen: Immer noch werden Schwarze in den USA systematisch benachteiligt. US-Präsident Trump verachtet den NFL-Protest trotzdem.
Von Thorsten Schröder, New York

Der Besuch von Mike Pence im Footballstadion von Indianapolis dauerte nur wenige Minuten: Der Vizepräsident verließ das Spiel zwischen den San Francisco 49ers und den Indianapolis Colts noch bevor es begonnen hatte. Der Grund: Etwa zwei Dutzend Spieler hatten sich während der Nationalhymne hingekniet oder waren in der Kabine geblieben. “Ich habe das Spiel verlassen, weil der Präsident und ich keine Veranstaltung unterstützen, bei der unsere Soldaten, unsere Flagge oder unsere Nationalhymne missachtet werden”, schrieb Pence auf Twitter. Für dieses politische Statement hatte er kurzerhand seinen ohnehin engen Reiseplan geändert und war eigens von einem Besuch an der Westküste eingeflogen. Mitgereisten Journalisten sagte Pence, es lohne sich für sie nicht, mit ins Stadion zu kommen – schließlich werde er nicht lange bleiben.

Der US-Präsident selbst gab später auf Twitter offen zu, seinem Vize den politischen Stunt angeordnet zu haben. Seit Wochen schwelt der Streit zwischen der Trump-Regierung und der National Football League. Bei einer Rede in Alabama hatte der Präsident vor wenigen Wochen gefordert, die “Hurensöhne”, die sich weigerten, während der Hymne aufzustehen, sollten “gefeuert” werden.

Dabei hat der anhaltende Protest mit einer Missachtung des Star-Spangled Banner nur wenig zu tun: Im vergangenen Jahr hatte sich der Quarterback Colin Kaepernick erstmals hingekniet, um damit vor allem auf die Polizeigewalt gegen die schwarze Bevölkerung aufmerksam zu machen. Seitdem taten es ihm viele in der Liga gleich. Denn auch jenseits der Schlagzeilen zu Polizeigewalt und Black-Lives-Matter-Protesten hat sich die Situation in den vergangenen Jahrzehnten kaum verbessert.

Über Jahrzehnte hätten die USA ein System geschaffen, in dem es für Weiße leichter sei, Vermögen aufzubauen, etwa durch den Zugang zu Hypotheken und anderen Krediten, sagt Emanuel Nieves von der Organisation Prosperity Now, die im September eine Studie zur Ungleichheit zwischen dem schwarzen und dem weißen Amerika veröffentlichte. Trotz Gesetzesänderungen sei der Rückstand heute nur noch schwer aufzuholen, betont Nieves.
Weiße werden reicher, Schwarze ärmer

Die Arbeitslosigkeit der Afroamerikaner liegt im Schnitt noch immer doppelt so hoch wie die der weißen Bevölkerung; betrachtet man nur die Erwerbsquote, hat sich die Kluft seit den Achtzigern sogar vergrößert. Das Vermögen der schwarzen Bevölkerung ist zwischen 1983 und 2013 nicht gestiegen, sondern im Gegenteil weiter gesunken. Der Studie von Prosperity Now zufolge lag es beim mittleren schwarzen Haushalt (Median) 2013 bei 1.700 US-Dollar – 1983 waren es noch 6.800 US-Dollar. Schuld daran sei auch die Rezession, die die ohnehin spärlichen Vermögen ausgelöscht habe, sagt Nieves. Nur: Im selben Zeitraum ist das Vermögen der weißen Bevölkerung weiter gestiegen, von 102.000 auf 116.800 Dollar. Zwar habe der Aufschwung in den vergangenen Jahren die Situation kurzzeitig entschärft. Aber sollte der Trend anhalten, warnen die Autoren der Studie, könne die weiße Bevölkerung bis 2024 “zwischen 75 und 99 Prozent mehr Vermögen haben” als Afroamerikaner und Latinos.

Vielen ist der soziale Aufstieg schon früh verwehrt. Die Schulen in vorwiegend weißen Nachbarschaften sind wegen höherer Steuereinnahmen der Kommunen besser ausgestattet. College-Studenten aus armen Haushalten sind auf staatliche Zuschüsse angewiesen, doch diese sind rar. Und auch nach der Ausbildung werden Afroamerikaner systematisch diskriminiert: In einer Metaanalyse Dutzender Studien konnten US-Forscher gerade zeigen, dass weiße Jobbewerber noch immer 36 Prozent mehr Rückrufe erhalten als schwarze. Die Autoren kamen wie ihre Kollegen zu einem frustrierenden Schluss: “In den vergangenen 25 Jahren hat sich die Diskriminierung gegen Afroamerikaner auf dem Arbeitsmarkt nicht verändert.” In den Führungsetagen der Unternehmen sind auch 2017 nur zwei Prozent der Manager schwarz.

Im Wahlkampf hatte Donald Trump die Situation der schwarzen Bevölkerung erkannt und ihnen Besserung versprochen. Er werde einen New Deal for Black America schaffen, kündigte er als Kandidat an. Dieser sollte, wie in den Dreißigerjahren das Wirtschaftsprogramm von Franklin Roosevelt, die schwarze Bevölkerung aus ihrer Depression heben. “Was habt ihr zu verlieren?”, hatte Trump den Schwarzen zugerufen. Ein besseres Argument hatte er nicht.

Bislang aber gibt es wenig Anzeichen dafür, dass sich die Situation unter dem neuen Präsidenten tatsächlich verbessern könnte – im Gegenteil. Trump habe in den ersten Monaten seiner Amtszeit gerade jene Programme geschwächt, die den Schwarzen im Land helfen, schreibt der Abgeordnete Cedric L. Richmond in einem Bericht der National Urban League, der an diesem Dienstag veröffentlicht werden soll. “Angefangen mit einem Staatsanwalt, der in seiner Karriere gegen Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Bürgerrechte gekämpft hat, bis hin zu massiven Kürzungen in jenen Programmen, die für die Schwächsten von großer Bedeutung sind, hat dieser Präsident deutlich gemacht, dass er die Fortschritte der letzten Jahre rückgängig machen will.”
Trump hat Programme für Schwarze geschwächt

Ein paar Beispiele: Das Budget von Behörden wie dem Ministerium für Wohnungsbau und Stadtentwicklung, das unter anderem den Zugang zu Sozialwohnungen regelt und bei der Miete hilft, soll unter Trump um sieben Milliarden Dollar gekürzt werden. In seinem Kampf gegen Obamas Gesundheitsreform hat es der Präsident – entgegen früherer Versprechungen – auch auf die staatlichen Medicaid-Programme abgesehen, die Geringverdienern die Grundversorgung sichern sollen und auf die Schwarze im Land häufiger als Weiße angewiesen sind. Und auch im öffentlichen Diskurs hat Trump kaum gezeigt, dass er die Ängste der afroamerikanischen Bevölkerung tatsächlich ernst nimmt. Während einer Rede vor Polizeibeamten in Long Island etwa sagte er im Juli, die Beamten sollten doch bitte bei den Festnahmen von Verdächtigen nicht zu nett sein.

Dabei gibt es Ansätze, die die Kluft zwischen Weiß und Schwarz in den USA verkleinern könnten. Die National Urban League etwa fordert in ihrem Bericht den garantierten Zugang zu Vorschulprogrammen, mehr staatliche Förderprogramme für Studenten aus Familien mit geringen Einkommen und einen landesweiten Mindestlohn von 15 Dollar. Weitere Punkte, die nach Meinung der Experten Voraussetzungen für eine gerechtere Verteilung sind: Jobprogramme für Jugendliche, eine Ausweitung von Lebensmittelprogrammen, besserer Zugang zu Sozialwohnungen und staatlichen Gesundheitsprogrammen. Auch die Steuerreform sei eine Gelegenheit, die Benachteiligung zu verringern, sagt Emanuel Nieves. Die Hoffnungen ruhten in diesen Tagen aber vielleicht eher auf dem Kongress, weniger auf dem Präsidenten.

 

Nachrichtenquelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-10/afroamerikaner-usa-donald-trump-nfl-diskriminierung-studien

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