„Schweigen ist Gold, Reden ist Dachau“

Wenn es um Witze auf ihre Kosten ging, verstanden die Nazis keinen Spaß. Wer dabei erwischt wurde, kritische Gags zu verbreiten, konnte im KZ landen oder mit dem Tode bestraft werden. Trotzdem machten zahlreiche „Flüsterwitze“ die Runde.
„Warum ist Österreich das heißeste Land der Welt? Weil es über Nacht braun wurde!“ Als Hitler im März 1938 in Wien einmarschierte und den „Anschluss“ der neuen „Ostmark“ an das Großdeutsche Reich verkündete, waren die Witzeerzähler genauso schnell zur Stelle wie die Soldaten der Wehrmacht. Denn längst hatte sich in den Jahren seit der „Machtergreifung“ vom 30. Januar 1933 in Deutschland eine ganz eigene Kultur entwickelt: der „Flüsterwitz“.
Viele Nazi-Kritiker hatten sich schon vorher in den zahllosen politischen Kabaretts oder den Satireblättern der Weimarer Republik über den selbsternannten „Führer“ Adolf Hitler und seine Konsorten amüsiert.
Das konnte schon, als es in Deutschland noch offiziell eine Demokratie gab, gefährlich werden, denn die Trupps der Hitler-treuen SA zogen gerne mal los, um ein Kabarett zu verwüsten und den Künstlern eine gehörige Lektion zu erteilen: Über den Führer lacht man nicht.
Doch mit der „Machtergreifung“ war Schluss mit lustig. Von nun an galt für Regimegegner, die heil durch die Zeit kommen wollten: „Bist du blind und taub und stumm zugleich – dann bist du reif fürs Dritte Reich“.
Über die vielen Deutschen, die Karriere machen wollten im neuen Deutschland und dafür ihre Bedenken gegen die neuen braunen Machthaber zurückstellten, wurde ein anderer Witz erzählt: „Bei einem Wettrennen zwischen einer Ziege und einer Schnecke gewinnt die Schnecke. Darauf sagt die Schnecke: Ich habe nur ein wenig gemeckert und schon war ich im Konzentrationslager. Antwortet die Schnecke: Ich habe dir doch gesagt, du musst schleimen und kriechen und schon kommst du ans Ziel“.
Flüsterwitze galten zunächst als „Heimtücke“
Über so etwas lachte Deutschland – und längst nicht nur die Nazi-Gegner – aber nur hinter vorgehaltener Hand. Man musste vorsichtig sein, bei wem man einen solchen Spruch zum besten gab, denn die Gefahr war groß, dass der Erzähler vom Zuhörer denunziert wurde.
Laut erzählte man so etwas schon gar nicht, weshalb bald von „Flüsterwitzen“ gesprochen wurde. Denn wer beim Erzählen ertappt wurde, musste mit drakonischen Strafen rechnen. Wenn es um sie selbst ging, verstanden die Nazis nämlich überhaupt keinen Spaß.
1934 wurde das „Heimtückegesetz“ erlassen, in dem es ausdrücklich hieß: „Wer öffentlich gehässige, hetzerische oder von niederträchtiger Gesinnung zeugende Äußerungen über leitende Persönlichkeiten des Staates oder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, über ihre Anordnungen, oder die von ihnen geschaffenen Einrichtungen macht, die geeignet sind, das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben, wird mit Gefängnis bestraft.”
Im Volk kursierte darauf der Spruch: „Was gibt’s für einen neuen Witz? Sechs Monate Gefängnis“. Dass man mit Milde der Justiz nicht rechnen durfte und der Rechtsstaat in Nazi-Deutschland ausgehebelt war, machte ein anderer Spruch deutlich: „Wissen Sie, was der Hitler-Gruß bedeutet? Aufgehobene Rechte“.
Und als nach dem Beginn des Krieges ertappte Erzähler von Flüsterwitzen auch ins KZ kamen, hieß es in Anlehnung an einen bekanntes Sprichwort: „Schweigen ist Gold, Reden ist Dachau“. In Dachau hatten die Nazis schon kurz nach der „Machtergreifung“ das erste KZ errichtet. Es blieb bis Kriegsende bestehen.
Im Mittelpunkt: Hitler, Göring und Goebbels
In den Jahren bis zum Krieg standen die Nazi-Führer im Mittelpunkt der Flüsterwitze. Allen voran Adolf Hitler, um den es in etwa einem Fünftel aller Flüsterwitze ging. Die Runde machten Witze wie dieser: „Was ist der Unterschied zwischen Mussolini und Hitler? Mussolini ist leberleidend, Hitler leiden lebend.“
Der italienische Diktator Benito Mussolini spielte auch gemeinsam mit Rudolf Heß, dem „Stellvertreter des Führers“, der 1940 mit einem Flugzeug alleine nach England flog, weil er angeblich einen Friede, mit England vorbereiten wollte, in einem anderen gerne erzählen Flüsterwitz eine Rolle.
Dritter im Bunde war der britische Premierminister Winston Churchill: „Heß wird nach seiner Gefangennahme Churchill vorgestellt. Sagt der Premier: So, Sie sind also der Verrückte? Antwortet Heß: Nein, nur sein Stellvertreter“.
Und als angeblich Hitler bei einem Treffen mit Mussolini über das schlechte Wetter in Deutschland geklagt hatte: „Sie haben es gut, Duce, über Italien lacht immer die Sonne“. Habe Mussolini gesagt: „Was beklagen Sie sich denn, mein Führer. Über Italien lacht nur die Sonne – über Deutschland aber die ganze Welt“.
Aber auch Hermann Göringmit seiner überdimensionalen Leibesfülle und seinem Hang zu Ämterhäufung und Fantasieuniformen war ein beliebtes Objekt der Flüsterwitze.
Ebenso wie Propagandaminister Joseph Goebbels, der mit seiner geringen Körpergröße, seinen schmalen Schultern und seinem verkrüppelten Klumpfuß so gar nicht an das von der Propaganda verbreitete Bild des blonden blauäugen und wohlgewachsenen arischen Herrenmenschen erinnerte: „Lieber Gott mach mich blind, dass ich Goebbels arisch find’.
Göring war der einzige prominente Nazi-Führer, der auch mal lachen konnte über Witze, die man über ihn erzählte. Goebbels wiederum war klar, dass das Volk durch das Erzählen solcher Witze mal Dampf ablassen konnte.
Außerdem sah er in den Witzen, über die er sich in den Spitzelberichten der Geheimen Staatspolizei informierte, ein Stimmungsbarometer – umso mehr erzählt wurden und umso sarkastischer sie waren, umso schlechter war das Ansehen des Regimes in der Bevölkerung.
Seit der Niederlage von Stalingrad drohte die Todesstrafe
Mit Beginn des Krieges zog die braunen Machthaber die Zügel weiter an. Flüsterwitze konnten nun als „Wehrkraftzersetzung“ eingestuft werden, die Erzähler galten als „Volksschädlinge“ – und dafür drohte nun regelmäßig Konzentrationslager.
Nach der Niederlage der Wehrmacht gegen die Rote Armee bei Stalingrad Anfang 1943, die allgemein eine Wende des Krieges anzeigte – spätestens von nun an waren die deutschen Truppen an allen Fronten auf dem Rückzug – wurde es lebensgefährlich, Flüsterwitze zu erzählen.
Denn nun wurden die Erzähler vom berüchtigten Volksgerichtshof oder anderen Gerichten zum Tode verurteilt. Immer mehr rückten jetzt Flüsterwitze über die Versorgungslage der Bevölkerung oder den Frontverlauf in den Vordergrund.
Nicht jeder, der mal eine Schote über den „Führer“ weitererzählte, musste zwangsläufig ein erklärter Gegner der Nationalsozialisten sein. Andere aber nutzen diese Art der Kritik gezielt, um ihre oppositionelle Haltung deutlich zu machen. Gerade für den kleinen Mann aus dem Volk konnten sie eine Art unterschwelliges Widerstandsverhalten darstellen.
Ob Flüsterwitze als echter Widerstand gewertet werden können, ist aber durchaus umstritten. Die NS-Führung begriff sie zweifellos als Gefahr, weshalb sie die Menschen, die sie verbreiteten, so brutal verfolgte. Auf jeden Fall sind die Flüsterwitze ein wichtiges zeithistorisches Dokument. Schon ein Jahr nach dem Krieg kam daher die erste Sammlung als Buch auf den Markt.
Der kürzeste Witz: Der Endsieg
Noch bis in die letzten Tage des Dritten Reiches erzählten sich die Menschen in den Trümmerlandschaften der Städte solche Witze. Vor allem die berühmte „Berliner Schnauze“ verstummte auch Angesichts des Schreckens der letzten Kriegsmonate und der Zerstörung von Teilen der Stadt durch alliierte Bombenangriffe nicht. So fragte man sich untereinander: „Wo gibt es die meisten Warenhäuser? In Berlin – da waren überall mal Häuser“.
Und auf die Frage nach dem kürzesten aller Witze gab es mit Blick auf die nicht verstummende NS-Propaganda über eine angeblich unmittelbar bevorstehende Kriegswende nur eine Antwort: „Der Endsieg“. Die Tatsache, dass Flüsterwitze nicht totzukriegen waren, war am Ende also zwar nicht der vom Regime propagierte „Triumph des Willens“, aber sehr wohl ein Triumph des Lachens.

Nachrichtenquelle: https://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/witze-unterm-hakenkreuz-schweigen-ist-gold-reden-ist-dachau_id_8723142.html

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