Merkel erneut von Gegnern bepöbelt

Protestierer haben die wahlkämpfende Kanzlerin in Mecklenburg-Vorpommern mit Trillerpfeifen empfangen. Merkel reagierte gelassen: Pfiffe brächten Deutschland nicht voran.

 

Auf Wahlkampfveranstaltungen häufen sich Pöbeleien und Angriffe von Protestierern. In Wolgast in Vorpommern stellten sich etwa 150 rechte Demonstranten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Pfiffen und Buhrufen entgegen. Einige bewarfen das Auto der Kanzlerin bei der Einfahrt zu der Veranstaltungshalle in Wolgast mit Tomaten, wie die Polizei mitteilte. Immer wieder riefen Demonstranten, darunter NPD- und AfD-Anhänger, vor der Halle “Hau ab, hau ab”.

Tomaten waren bereits am Dienstag in Heidelberg auf die Kanzlerin geflogen. Am Mittwoch störten Pöbler ihre gesamte Rede im sächsischen Torgau und in Finsterwalde mit Buhrufen, Pfiffen und Hupen. Die Versammlung in Wolgast sollte eigentlich unter freiem Himmel stattfinden, die Partei verlegte sie aber kurzfristig nach drinnen und nannte die Witterung als Grund.

NPD-Vertreter vor der Halle

Vor den mehreren Hundert Zuhörern in der Halle nahm sie Bezug zu den Protesten vor dem Gebäude. “Da gibt es einige, die pfeifen und schreien”, sagte sie. “Ich glaube nicht, dass das ausreicht, um Deutschland voranzubringen.” Auch in der Halle gab es vereinzelte Zwischenrufe wie: “Wo ist das Christliche in ihrer Partei?”

Merkel hatte am Nachmittag schon in Strasburg gesprochen, das wie Wolgast zum dem Bundeswahlkreis gehört, in dem die AfD bei der Landtagswahl vor einem Jahr drei Direktmandate gewann. Ihre Rede in einer Sporthalle wurde nur einmal kurz von Pfiffen und “Merkel muss weg”-Rufen unterbrochen, einige Gegner hielten Schilder mit dieser Aufschrift hoch. Vor der Halle protestierten etwa 25 Linke und einige NPD-Vertreter.

In Dresden wurde auch Außenminister Sigmar Gabriel angepöbelt. Ein Dutzend AfD- und Pegida-Anhänger empfingen den SPD-Politiker mit Trillerpfiffen, “Buh”- und “Volksverräter”-Rufen vor einem Lokal, in dem er zum Gespräch mit Bürgern erwartet wurde. Polizisten hatten das mit AfD-Plakaten und Transparenten aufgelaufene Protest-Grüppchen auf die andere Straßenseite verwiesen – Gabriel winkte ihnen freundlich zu.

Appell, zur Wahl zu gehen

Der scheidende Bundestagspräsident Norbert Lammert warnte vor der zunehmenden Schärfe des Wahlkampfs. Die Pöbler werden seiner Ansicht nach durch den Verbalradikalismus im Netz animiert. Der sei zu lange folgenlos geblieben, sagte er am Rande einer Veranstaltung in Rom, “wodurch sich möglicherweise manche auch ermutigt fühlen, diese Art von Auseinandersetzung (…) nun auch auf öffentlichen Plätzen und Straßen und bei Kundgebungen zur Anwendung zu bringen”, sagte er am Rande eines Besuchs in Rom. Bisher waren vor allem Kundgebungen der NPD meist von Gegenprotest linker Gruppen begleitet. Seit dem Erstarken der AfD mobilisieren die auch gegen die Rechtspopulisten, wie zuletzt im April in Köln, wo Tausende gegen den Parteitag protestierten.

Merkel appellierte an ihre Zuhörer in Wolgast, zur Wahl zu gehen und für die CDU zu stimmen. “Man wird nicht für vergangene Verdienste gewählt. Aber man kann sehen an den Arbeitslosenzahlen, dass wir einiges erreicht haben”, rief sie. Zur künftigen Herausforderung sagte Merkel: “Es ist nicht gottgegeben, dass wir noch in zehn Jahren die besten Autos der Welt bauen.”

In Strasburg sprach sie sich dafür aus, wieder mehr staatliche Institutionen in ländlichen Regionen anzusiedeln. Das sei nötig, um gleichwertigere Lebensverhältnisse herzustellen, sagte sie vor etwa 1.000 Zuhörern. Derzeit seien die Lebensbedingungen so unterschiedlich wie noch nie: “In Großstädten finden sie keine Wohnung mehr, in ländlichen Regionen finden sie keinen Arzt.” Einzelne Regionen in Mecklenburg-Vorpommern gehören zu den strukturschwächsten Regionen Deutschlands.

 

Nachrichtenquelle: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-09/angela-merkel-sigmar-gabriel-wahlkampf-wolgast-strasburg

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