Kalifat ohne Staat

Der IS ist militärisch besiegt, sein Mythos lebt. Was bleibt von der Terrororganisation?
Von Yassin Musharbash

Der selbst ernannte “Kalif” ist tot – und nun zerbröselt auch sein “Kalifat”. Viertel um Viertel, Straße um Straße wird das Reich der Terrorgruppe “Islamischer Staat” (IS) zurückerobert. Hochrangige IS-Führer haben syrischen Aktivisten nach deren Angaben bestätigt, dass ihr Anführer Al-Bagdadi tot sei. Im irakischen Mossul, der vormaligen IS-Hauptstadt, eröffnen Billardsalons inmitten von Ruinen. Im syrischen Rakka, der letzten Großstadt mit IS-Präsenz, sind die ersten Stadtteile befreit, und die Bewohner feiern es mit lauter Musik. Das größte Projekt des IS, die Gründung eines Staates, ist letztlich gescheitert.

Die Niederlage des IS bedeutet eine Stunde null für den globalen Dschihadismus. Es wird jetzt sichtbar, was ihn zusammenhielt, was seine Anhänger antrieb, wo seine Grenzen lagen und wie er dennoch weiterwirken könnte: Der IS mag gescheitert sein – doch er hat die Dschihadisten mit einer mächtigen, neuen Erzählung ausgestattet.

Immerhin drei Jahre lang ist es dem IS gelungen, in weiten Teilen des Nordiraks und Syriens eine Form von Staatlichkeit aufrechtzuerhalten. Zehntausende Freiwillige wanderten in jenes “Kalifat” ein, das von seinen geschickten Propagandisten als real gewordene islamische Utopie verbrämt wurde. Der IS hat neue, aus seiner Sicht höchst erfolgreiche Terror-Taktiken ersonnen – von der komplexen paramilitärischen Kommandoaktion bis zum Lkw-Attentat. Er hat Massenmorde genozidalen Ausmaßes, wie etwa an den Jesiden, erst theologisch legitimiert und dann konsequent begangen. Nicht zuletzt war der IS eine reale Ordnungsmacht, die den Alltag von Millionen Menschen geregelt hat.

Die Zukunft des Dschihadismus hängt daran, wie stark das Narrativ vom IS als Pioniertruppe der Bewegung nachwirkt.

Alle dschihadistischen Gruppen wollen Staaten gründen, das ist Teil ihrer DNA. Sie lehnen die muslimischen Machthaber als korrupt ab und wollen deren Herrschaft durch eine gottgefällige ersetzen. Weil der Prophet Mohammed selbst ein Staatsgründer war, eifern sie ihm nach und versuchen, eine Kopie seines Stadtstaates von Medina zu erschaffen. Keine Gruppe war jemals so erfolgreich darin, diese Sehnsucht zu befriedigen, wie der IS. Warum?

Ein Teil der Erklärung liegt in seiner Radikalität, die selbst Al-Kaida, aus der der IS hervorging, in den Schatten stellte. Die Al-Kaida-Führer träumten davon, dass ihnen in den Wirren des Arabischen Frühlings ganze Gebiete in die Hände fallen würden, wenn sie nur genügend Agitation und Werbung betrieben. Der IS hat sein “Kalifat” selbst erobert, nach gründlicher Vorbereitung und mit brutaler Gewalt.

Allerdings erklären weder seine Ideologie noch seine Entschlossenheit allein den Aufstieg des IS, zunächst im Irak und später in Syrien. Tatsächlich war er das Ergebnis eines perfekten Sturms, eines Zusammentreffens von förderlichen äußeren Umständen, die er geschickt ausnutzte.

Jahrelang hatte die schiitisch dominierte Zentralregierung in Bagdad die Sunniten des Iraks ausgegrenzt – und damit empfänglich gemacht für eine radikale Organisation, die sich als ihre alleinige Schutzmacht in Szene setzte. Die irakischen Sicherheitsbehörden waren zudem zu schwach, um sich dem IS ernsthaft entgegenzustellen: Als Mossul fiel, lag das auch daran, dass irakische Soldaten in Scharen flohen. Schließlich hatte der IS seine Expansion sorgfältig vorbereitet: In Mossul und anderswo waren Sympathisanten und Schläfer platziert worden, man hatte Zweckbündnisse abgeschlossen, Pläne für die Machtübernahme geschmiedet und auch schon Todeslisten mit den Namen vermuteter Gegner erstellt.

Je deutlicher der IS im syrischen Krieg in Erscheinung trat, desto mehr Anziehungskraft generierte er zudem jenseits der Region. Die erste Welle ausländischer Freiwilliger schloss sich dem IS (beziehungsweise seinen Vorläufern) an, um den Machthaber Baschar al-Assad zu bekämpfen und die syrischen Sunniten zu verteidigen. Mit Gründung seines “Kalifats” im Juni 2014 erweiterte der IS sein Portfolio: Er hatte nun jenseits der Fronterfahrung eine konkrete Utopie anzubieten. Tausende junge Männer und Frauen aus aller Welt strömten in den Nahen Osten, um im IS-Kalifat ein aus ihrer Sicht gottgefälliges Leben führen zu können.

Die Welt wurde vom Aufstieg des “Kalifats” überrumpelt. Zwar rief 2014 eine internationale Koalition aus Dutzenden Staaten die “Operation Inherent Resolve” gegen den IS aus (seit 2015 fliegen auch deutsche Tornados dabei als Aufklärer mit), doch erst Mitte 2016 begann man, den IS in Syrien und im Irak mithilfe von einheimischen Bodentruppen konzertiert zurückzudrängen. Eine verhängnisvolle Verzögerung.

Denn in der Phase nahezu ungestörter Konsolidierung konnte der IS jenen Erfahrungsschatz anhäufen, von dem noch seine Nachfolger zehren werden. Nur ein Beispiel: Erstaunlich zügig vereinheitlichte der IS die Rechtsprechung im “Kalifat”. Der daraus erwachsene Fundus an Fatwas und Urteilen ist eine Art dschihadistisches Weltkulturerbe, das den Nimbus vom IS als Avantgarde nährt. Auch militärisch entwickelten die Dschihadisten sich weiter, errichteten Munitions- und Waffenfabriken, produzierten Mörser und Scharfschützengewehre, forschten an ferngesteuerten Minen-Robotern: Das “Kalifat” war auch ein Labor der Militanz.

Bis vor Kurzem haben die Anführer die Möglichkeit einer Niederlage verneint und den Endsieg propagiert. Nun, da die Niederlage absehbar ist, deuten die Dschihadisten den Fall des “Kalifats” zum Nicht-Ereignis um. Nicht der Verlust von Städten und Gebieten, so der offizielle IS-Sprecher schon vor Monaten, würde eine Niederlage darstellen, sondern einzig der Verlust des Glaubens und des Kampfeswillens. Dass Zehntausende IS-Kämpfer getötet wurden, Milliarden Dollar an Einnahmen verloren gingen und der IS gejagt wird, statt zu herrschen, erwähnen seine Führer nicht.

Stattdessen hat die Arbeit am Mythos des IS nach dem “Kalifat” begonnen: Wir haben gesiegt, weil es uns noch gibt. Ihr könnt uns nicht vernichten. Wir wandeln unsere Form und machen weiter. Wenn über 50 Staaten mehr als drei Jahre brauchen, um das “Kalifat” zu vernichten, spricht das nicht für unsere Stärke? Haben wir den Westen mit unseren Anschlägen in seinem Herzen – in Paris, London, Berlin – nicht schon an den Kipp-Punkt gebracht?

Den IS-Strategen war von Beginn an klar, dass sich ihnen früher oder später übermächtige Gegner in den Weg stellen würden. Sie haben diesen Kampf gewollt und bewusst Angriffsfläche geschaffen. Das wirft eine unheimliche Frage auf: Was, wenn das eigentliche Ziel des IS gar nicht war, einen langfristig überlebensfähigen Staat zu schaffen, sondern nur, dass dieser lange genug existiert, um der unangefochtene Hegemon der dschihadistischen Internationale zu werden?

Dschihadisten denken nicht in Zeiträumen von Wahlzyklen wie westliche Politiker. Sie denken in Jahrhunderten und konzipieren in Jahrzehnten. Im real existierenden “Kalifat” wurde praktische Erfahrung angehäuft und eine neue dschihadistische Mythologie begründet. Es ist dieser Schatz, der den IS nach dem Ende seines “Kalifats” auf lange Sicht einflussreicher machen könnte, als die Herrschaft über eine Großstadt wie Mossul es je vermochte.

Den Zustand, in dem er jetzt ist, kennt der IS bereits. Vor zehn Jahren hatte er nicht einmal tausend Kämpfer. Mit seinen genozidalen Kampagnen gegen Jesiden, Christen und Schiiten hat der IS das multiethnische, multireligiöse Erbe Syriens und des Iraks vernichtet. Überall herrscht Angst und Misstrauen zwischen den Konfessionen. In den befreiten Gebieten bleibt es schwachen Staaten und überforderten nichtstaatlichen Akteuren überlassen, die Lebensumstände auf ein akzeptables Niveau zu schrauben. Die Dschihadisten haben bestehende Konflikte genutzt und gezielt zugespitzt. Ein Teil der Folgen ist schon sichtbar: Im Südosten Syriens beispielsweise sickern täglich schiitische Milizionäre aus dem Irak ein. Eben noch haben sie gegen den IS gekämpft, jetzt stellen sie sich an die Seite Assads und der Hisbollah und versuchen, ihren Traum einer schiitischen Achse von Teheran über Bagdad nach Damaskus und Beirut zu verwirklichen – zum Unmut der Sunniten.

Der IS hat, mit anderen Worten, die Bedingungen für seinen Wiederaufstieg (womöglich unter neuem Namen) bereits geschaffen. Bis der nächste perfekte Sturm kommt, wird er sich in eine Guerilla-Organisation zurückverwandeln.

Das ist, bei aller Erleichterung, eine beklemmende Aussicht. Die Weltgemeinschaft hat zwar das “Kalifat” abgeräumt, aber wegen der Fixierung auf das Militärische kaum bei anderen Komponenten der Terrorbekämpfung dazugelernt. Ohne die Stabilisierung der befreiten Gebiete, ohne einen Ausgleich zwischen Sunniten und Schiiten wird der Friede nicht von Dauer sein.

Das “Kalifat” ist am Ende. Aber die verbliebenen Anhänger des IS werden weitermorden. Sein vergiftetes Erbe bleibt in der Welt. Andere werden irgendwo wieder versuchen, einen Staat zu gründen. Der Sturz des “Kalifats” ist dennoch ein Sieg der Menschheit über die Barbarei. Hunderttausende Menschen wurden vom Joch der Dschihadistenherrschaft befreit. Viele IS-Freiwillige sind desillusioniert worden und von ihren Überzeugungen abgerückt.

Der IS mag im Kernlager der dschihadistischen Internationale zum Mythos verklärt werden. Doch der überwiegende Teil der Muslime in aller Welt – und auf ihn kommt es an – ist angeekelt von seiner enthemmten Brutalität und seinen pseudoreligiösen Anmaßungen.

 

Nachrichtenquelle: http://www.zeit.de/2017/29/islamischer-staat-kalifat-niederlage-irak-syrien

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