Josef Mengele: Warum die Israelis den „Todesengel von Auschwitz“ entkommen ließen

Mindestens zwei Mal hätten die Agenten des Mossad mit Josef Mengele einen der bekanntesten Nazi-Verbrecher schnappen und vor Gericht stellen können. Doch die israelische Regierung verhinderte nach neuen Recherchen eines israelischen Journalisten eine konsequente Verfolgung des „Todesengel von Auschwitz“. Sie hatte andere Sorgen.

Im Juli 1977 fasste der damalige israelische Ministerpräsident Menachem Begin einen Entschluss, der ein Wendepunkt war. 32 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Massenmord an den Juden und 17 Jahre nach der Entführung des Schreibtischtäters Adolf Eichmann durch den Mossad sollte der israelische Geheimdienst ganz gezielt die Jagd nach anderen Nazi-Verbrechern aufnehmen. Begin hatte insbesondere einen Mann vor Augen: Josef Mengele, den „Todesengel von Auschwitz“.

Sollte man ihn nicht ergreifen und vor ein Gericht stellen können, so gebe es auch noch eine andere Möglichkeit: ihn umzubringen. Das war ein eindeutiger Beschluss – erstaunlicherweise war es das erste Mal, dass eine israelische Regierung die systematische Verfolgung von NS-Tätern anordnete. Wenige Monate später wurde beim Mossad die Abteilung „Messer“ gegründet. Sie hatte nur eine Aufgabe: Mengele zu finden.

Der plötzliche Eifer erstaunt, denn mindestens zweimal hätten Israels Geheimagenten den Mann einkassieren können – und zwar viele Jahre zuvor. Zwischen 1959 und 1962 war der Mossad Mengele in Südamerika auf der Spur. Er hätte nur zuschlagen müssen, um ihn zu entführen, nach Israel zu bringen, dort vor ein Gericht zu stellen und vermutlich am Ende ein Todesurteil vollstrecken zu können. So wie man es mit Adolf Eichmann gemacht hatte. Doch die Regierung hatte die Erlaubnis zu einem solchen Schritt nicht gegeben.

Erstmals öffnet der Mossad seine Akten

Das geht deutlich aus den jahrelangen Forschungen des israelischen Investigativreporters Ronen Bergman von der Zeitung „Yedioth Ahronoth“ hervor, die der 45-Jährige jetzt in der „New York Times“ und der „Zeit“ präsentierte. Bergman konnte als erster Rechercheur die bislang gesperrten Unterlagen des Mossad einsehen. Anfang 2018 soll ein Buch über weitere geheime Mossad-Unterlagen folgen. Man darf gespannt sein.

Mengele gilt als das Böse schlechthin. Als Arzt aus dem bayerischen Günzburg sortierte er an der Eisenbahnrampe des Vernichtungslagers Auschwitz die ankommenden Häftlinge in solche, die arbeitsfähig waren und solche, die das aufgrund ihres Zustandes nicht waren und daher sofort ermordet wurden.

Mit unmenschlichen medizinischen Versuchen an lebenden und nicht narkotisierten Häftlingen quälte er diese Menschen brutal zu Tode. Wenn sie seine Versuche überlebten, brachte er sie um. Nach dem Krieg lebte Mengele zunächst noch bis 1948 unentdeckt in Deutschland, obwohl seine Taten während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse zur Sprache kamen.

Mengele führte in Südamerika ein unbeschwertes Leben

Dann aber floh er wie andere NS-Verbrecher auch nach Südamerika. Von 1948 bis Anfang 1959 lebte er in Argentinien. Und zwar ganz offen unter seinem richtigen Namen, obwohl der deutschen Bundesregierung inzwischen deutliche Hinweise auf seine Verbrechen vorlagen und sie über seinen Aufenthaltsort Bescheid wusste.

Erst im Februar 1959 erließ die Staatsanwaltschaft Freiburg einen Haftbefehl. Nun bat sie die argentinischen Behörden um eine Auslieferung – zu spät. Denn Mengele, der von einem Netzwerk ehemaliger SS-Männer unterstützt wurde, war offenbar rechtzeitig gewarnt worden und hatte sich wenige Tage vorher nach Paraguay abgesetzt. Hier wurde er Ende November 1959 eingebürgert.

Zu seinen Unterstützern gehörte unter anderem auch das berühmte Fliegerass Hans-Ulrich Rudel, der im Krieg von Adolf Hitler persönlich mit dem höchsten Orden ausgezeichnet worden war. Seine Unterstützer sorgten auch dafür, dass Mengele stets mit ausreichend Geld von seiner wohlhabenden Familie in Deutschland versorgt wurde.

Die Mossad-Zentrale verbietet Mengeles Entführung

Nachdem der Mossad im Mai 1960 in einer weltweit Aufsehen erregenden Aktion Eichmann entführt hatte, wechselte Mengele aus Furcht vor einer Enttarnung erneut den Wohnort. Er zog nach Sao Paulo. In der brasilianischen Metropole lebte er in einem ärmlichen Haus am Rand der Stadt. Mit Hilfe des deutschen Journalisten Wilhelm Sassen, der in rechten Kreisen verkehrte und auch mit Eichmann bekannt gewesen war, kam der Mossad Mengele 1962 erneut auf die Spur.

Am 23. Juli entdeckten zwei israelische Nazi-Jäger Mengele und wollten zuschlagen. Zvi Ahroni, einer der an der Observation beteiligten Agenten, habe sich 1999 in einem Gespräch mit ihm an die Aktion so erinnert, berichtet der Journalist Bergman in der New York Times: „Wir waren in exzellenter Stimmung. Ich war sicher, dass wir in Kürze in der Lage sein würden, Mengele nach Israel zu bringen, damit er vor Gericht gestellt werden könnte“.

Immer wieder versagte die Spitze des Mossad

Doch zu seiner großen Überraschung untersagte das Hauptquartier in Tel Aviv die Aktion „Ankor“ (Spatz). Als dann drei Monate später die Genehmigung kam, war Mengele erneut untergetaucht. Warum aber gab die Mossad-Zentrale nicht die Erlaubnis zum Zuschlagen? Israel, so Berman, sei zu dieser Zeit ganz aktuellen Bedrohungen durch Ägypten, das den Juden-Staat vernichten wollte, ausgesetzt gewesen. Daher sei es nötig gewesen, die wenigen Kapazitäten des personell kleinen Mossad zu bündeln.

Als wenige Zeit später mit Meir Amit ein neuer Mann an die Spitze kam, befahl er, „damit aufzuhören, Geister aus der Vergangenheit zu jagen“ und alle Kräfte und Ressourcen gegen die aktuellen Bedrohungen einzusetzen. Später bekam der Mossad dann durch Zufall noch einmal die Chance, Mengele wieder aufzuspüren, doch auch diesmal versagte die Spitze des Dienstes die Genehmigung.

Ohne die Zustimmung der Regierung wird es dazu kaum gekommen sein. Tatsächlich waren die späteren Ministerpräsidenten wie Golda Meir nicht an einer Verfolgung Mengeles interessiert. Sie hatten sich um den Bestand ihres jungen Staates zu kümmern, der von seinen Nachbarn massiv bedroht wurde. Für mehr als zehn Jahre geriet Mengele aus dem Blickfeld.

Der Wunsch nach Rache lebte

Aber innerhalb des Mossad scheint der Wunsch, ihn zu schnappen, nie eingeschlafen zu sein. Viele der Mossad-Agenten hatten die Schrecken des Holocaust erlebt, Väter, Mütter und Geschwister verloren. Sie waren beseelt von dem Wunsch nach Rache. Mengele war längst zu einem Synonym für all das Böse, das der Nationalsozialismus darstellte, geworden.

Ronen Bergman zitiert in der New York Times aus einem Gespräch mit einem führenden Mossad-Mann, Mike Harari, der ihm kurz vor seinem Tod 2014 sagte: „So lange noch ein einziger Nazi in irgendeiner Ecke der Welt atmet, sollten wir ihm helfen, aufzuhören zu atmen“.

Die Regierung war vier Jahre zu spät

Nachdem Begin die Verfolgung Mengeles 1977 wieder befohlen hatte, tappten seine Agenten allerdings ziemlich im Dunklen. Im März 1983 hofften sie, über Mengeles Sohn Rolf, der in West-Berlin lebte, an den gesuchten Verbrecher heranzukommen. Sie überwachten sein Telefon in der Hoffnung, die beiden würden sich zu einem Treffen verabreden, bei dem die Agenten dann zuschlagen könnten. Aber sie kamen vier Jahre zu spät.

Denn Josef Mengele war am 7. Februar während eines Urlaubs beim Baden ertrunken. Es waren schließlich die deutschen und die brasilianischen Behörden, die das ohne jeden Zweifel feststellten. So war dieser Nazi-Verbrecher stets einer Verurteilung seiner Strafe vor Gericht entgangen.

 

Nachrichtenquelle: http://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/nationalsozialismus/nazi-verbrecher-josef-mengele-warum-die-israelische-regierung-des-todesengel-von-auschwitz-entkommen-liess_id_7566517.html

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