Historiker drückten sich vor Gesamtbilanz: Neues NSDAP-Buch zeigt erstmals ganze Wahrheit

Er war die zentrale Figur des Nationalsozialismus und deshalb steht Adolf Hitler seit Jahrzehnten im Mittelpunkt des Interesses von Historikern, wie unzählige Biographien zeigen. Erstaunlich: Eine seriöse Gesamtdarstellung der NSDAP, auf die der “Führer” sich stützte, erscheint dagegen 72 Jahre nach dem Verbot auf Deutsch nun zum ersten Mal.

Bücher über die NSDAP gibt es doch ähnlich wie Biographien über Adolf Hitler wie Sand am Meer. Braucht es also tatsächlich noch so ein Werk? Diese Reaktion ist naheliegend, doch wer so denkt, unterliegt einem Irrtum. Denn in der Tat haben Scharen von Historikern eine Vielzahl an Detail- und Lokalstudien zur Nazi-Partei und ihrer Geschichte zwischen 1920 und 1945 geschrieben. Aber erstaunlicherweise existierte bislang keine auf Deutsch verfasste Überblicksdarstellung über die Partei. Mal abgesehen von einer Darstellung der beiden orthodox-marxistischen DDR-Historiker Kurt Pätzold und Manfred Weißbecker – ein Werk, das bestenfalls als Quelle für die kommunistische Sichtweise herangezogen werden kann, nicht aber als seriöse Information über die NSDAP.

Wer sich über die Nazi-Partei informieren wollte, darüber, wer diese Partei trug, wie sie funktionierte und wie ihre Millionen Mitglieder “tickten”, der musste sich durch einen Wust von verschiedenen Studien kämpfen oder versuchen, sich das, was er wissen wollte, aus den Hitler-Biographien zusammenzulesen. Und am Ende hatte man doch keinen wirklich zufriedenstellenden Gesamtüberblick, mit dem man sich anschließend an detaillierte Fragen heranwagen konnte. Das ändert sich nun, 72 Jahre nach dem Verbot der NSDAP endlich. Denn in diesen Tagen erscheint die erste Gesamtdarstellung der Partei. Verfasst hat sie der Berliner Journalist und Historiker Sven Felix Kellerhoff (Die NSDAP. Eine Partei und ihre Mitglieder. Klett-Cotta, 464 Seiten, 25 Euro).

Die Historiker drückten sich vor einer Gesamtbilanz

“Ich weiß nicht, warum die Historiker sich bislang davor gedrückt haben, so eine NSDAP-Geschichte zu schreiben”, sagt Autor Kellerhoff. Vielleicht einfach, weil die Menge an Material schlicht zu groß und unübersichtlich ist? Oder weil es einfacher ist, noch eine Hitler-Biographie zu schreiben? Dabei sei es von großem Wert, sich die Geschichte der Partei genauer und grundsätzlich anzuschauen. Denn die NSDAP war die Basis von Hitlers Machterwerb. “Ohne die NSDAP und das schier grenzenlose Engagement ihrer Mitglieder wäre Hitler niemals auch nur in die Nähe der Macht gekommen”, glaubt Kellerhoff.

Vor allem in der Zeit von Hitlers Aufstieg war die Partei immens wichtig für ihren “Führer”. Wie die Anhänger dachten, was sie faszinierte und was sie wollten, geht unter anderem gut aus der sogenannten Abel-Collection hervor, die Kellerhoff als einer der ersten Historiker intensiv auswertete. Dabei handelte es sich um eine Befragung des polnisch-amerikanisch Soziologen Theordore Abel unter Parteimitgliedern, die dieser mit Hilfe von Propaganda-Chef Joseph Goebbels 1934 durchführte. Die hunderte Berichte, die dabei entstanden, waren Jahrzehnte lang weitgehend vergessen. Sie werden in der Hoover Institution der Stanfort University in den USA aufbewahrt.

Die NSDAP war weit von einer eigenen Mehrheit entfernt

Konkrete politische Aktionen, so Kellerhoff, habe es in der Zeit vor 1933 auf nationaler Ebene nicht gegeben, auf lokaler Ebene nur wenige. Warum aber war dann die Partei so wichtig für Hitlers Aufstieg? “Ihre wichtigste Aufgabe war der fortwährende Wahlkampf. Es ging immer nur darum, möglichst viele Wähler dazu zu bringen, für Hitler zu stimmen”. Unter diesem Aspekt war die Partei vor der “Machtergreifung” am 30. Januar 1933 nur bedingt erfolgreich. Denn so steil ihr Aufstieg seit der Reichstagswahl vom September 1930 auch gewesen sein mag – niemals vor dem 30. Januar 1933 konnte sie reichsweit mehr als 37,3 Prozent der Wählerstimmen hinter sich bringen. Und selbst unter den für sie wesentlich günstigeren Bedingungen der Wahlen vom 5. März 1933, als sie den Macht- und Sicherheitsapparat bereits unter ihrer Kontrolle hatte, waren es nur 43,9 Prozent. Sie brauchte die rechtskonservative DNVP, um überhaupt eine Mehrheit zu erreichen.

Nach der “Machtergreifung” änderte sich ihre Rolle, denn nun ging es vor allem darum, treue NS-Aktivisten in die wichtigen Staatspositionen zu hieven. Die wichtige Bedeutung, die die Partei hierbei hatte, werde von den Historikern bis heute übersehen, so Autor Kellerhoff.

NSDAP stand kurz vor dem finanziellen und ideologischen Ende

Doch auch, wenn es aus heutiger Sicht vielleicht auf den ersten Blick so scheinen mag: Zwangsläufig und unaufhaltsam war die Übernahme der Macht keineswegs. Schon 1922, also kurz nach ihrer Gründung, hätten die Sicherheitsbehörden ihrem Treiben ein Ende bereiten und sie verbieten können. Dazu hätten nur die vorhandenen rechtlichen Mittel konsequent eingesetzt werden müssen. Damals, 1922, war es ausgerechnet ein bayerischer Sozialdemokrat, der die Ausweisung des österreichischen Staatsbürgers Hitler in sein Heimatland verhinderte. Auch nach ihrem Verbot als Folge des Hitler-Putsches von 1923 und der Wiedergründung 1925 habe die NSDAP so häufig gegen geltende Regeln verstoßen, dass bei konsequenter Anwendung der vorhandenen Gesetze ein Verbot möglich gewesen wäre.

1932 schließlich stand die NSDAP kurz vor dem finanziellen und ideologischen Ende, denn Hitler setzte beim Versuch, Reichskanzler zu werden auf die Strategie des Alles-oder-Nichts. Es schien so, als laufe die ganze Sache auf das “Nichts” zu – bis der konservative Zentrums-Politiker Franz von Papen ihm letztlich durch Intrigen den Weg ins Kanzleramt bahnte. Von Papen, “einer der widerwärtigsten Intriganten der deutschen Geschichte”, habe in dem Wahn gelebt, Hitler kontrollieren zu können, so Kellerhoff. Als sich dann rasch zeigte, dass dieser Versuch fehlschlug, habe sich von Papen damit abgefunden.

Hitler und die NSDAP waren die radikalsten Kräfte

Durchaus hatte Hitler auch Widersacher in der eigenen Partei. Doch es gelang ihm, sie alle niederzuhalten, sei es den kompromissbereiten Gregor Strasser, dessen national-bolschewistisch gesinnten Bruder Otto oder den proletarischen SA-Chef Ernst Röhm. Das lag einerseits an Hitlers Charisma, andererseits auch an seiner einzigartigen Radikalität, die auf viele Wähler attraktiv wirkte. Jeder andere NSDAP-Vorsitzende hätte die Partei zu einer „normalen“ rechtsextrem-nationalistischen Partei gemacht, wie zum Beispiel die Faschisten in Italien. Aber die beiden wesentlichen Herrschaftselemente des Dritten Reiches – der massenmörderische Rassenhass und der Vernichtungskrieg zur “Eroberung des Lebensraums” ging direkt auf Hitler zurück und prägte damit auch entscheidend die Partei.

Bleibt die Frage, warum die NSDAP so viele Menschen begeistern konnte. Neben der Person Hitlers sieht Kellerhoff den wichtigsten Grund dafür in der Radikalität und rücksichtslosen Kompromisslosigkeit der Partei und ihres “Führers”. An diesem Punkt sieht Kellerhoff eine wichtige Lehre für heute: “Die Geschichte der NSDAP zeigt, dass Radikalität – und zwar ganz gleich, ob von rechts oder von links – immer falsch ist. Wer einfache Antworten auf komplexe Probleme verspricht, ist ein Lügner und darf politisch keine Rolle spielen”.

 

Nachrichtenquelle: http://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/nationalsozialismus/hitler-und-die-nsdap-ohne-partei-kein-fuehrer_id_7539097.html

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