Hilfe, es heimatet sehr

Eine Grüne und der Bundespräsident sprechen von “Heimat” – und die Linke sagt ihnen, warum das nicht geht. Aber doch! Die Heimat der Zukunft ist Patchwork statt Privileg.
Von Johannes Schneider

Falls Sie es nicht mitbekommen haben: Zwei politische Führungsfiguren der linken Mitte haben kürzlich “Heimat” gesagt und es nett gemeint. “Wir lieben dieses Land. Es ist unsere Heimat. Diese Heimat spaltet man nicht”, sagte die Spitzenkandidatin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, bei deren kleinem Parteitag nach der Wahl in Richtung von AfD- und sonstigen Demagogen. “Ich bin überzeugt, wer sich nach Heimat sehnt, der ist nicht von gestern”, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Einheitsfeiertag in Richtung der AfD-Wähler. Die Botschaft ist klar: Wenn sich Alexander Gauland Land und Volk zurückholen will, holt sich die Mitte eben ein Stück Deutungshoheit darüber zurück, was diese beiden eigentlich ausmacht. Ebenso klar: dass das links der beiden nicht alle so nett fanden, wie lässig da ein Sozialdemokrat und vor allem eine Grüne mit diesem mutmaßlichen Naziwort operierten.

Es läge jetzt nahe, Heimat im Zirkelschluss zu definieren. In etwa so: Des Deutschen Heimat ist jener Ort, wo sich um ein Wort wie Heimat – wird es von der falschen Person zur falschen Zeit ausgesprochen – im Nu ein ganzes Empörungsgeflecht legt. Wo der rational disziplinierte Teil der Linken jenen naiven Schwärmern, denen Heimat ein selbstverständlicher, warmer, nicht-ausgrenzender Begriff ist, mit einer Vehemenz begegnet, in der ebenfalls ein durchaus heimatliches Erbe mitschwingt: die frontale Schulmeisterei, die selbstverständlich keinen Widerspruch duldet. “Heimat”, so belehrte die Grüne Jugend auf Twitter jemanden, der ihre Definition von Heimat als “ausgrenzenden Begriff” zart hinterfragte, “ist ein Begriff der Gegenaufklärung und Irrationalität. Ist kein Zufall, dass er in der Romantik entstand und im NS gebraucht wurde.” So weit, so klar? Dann vernichten Sie bitte sofort Ihre Eichendorff-Gedichte, Sie Nazi!

Und beantworten Sie bitte folgende Fragen: Wofür brauchen Sie den Begriff überhaupt? Wissen Sie denn nicht, dass den auch Leute im Munde führen, mit denen Sie gewiss nichts zu tun haben wollen, Stichwort Thüringer Heimatschutz? Ja, reicht Ihnen denn kein schlichtes “Zuhause”, wenn Sie den Ort beschreiben wollen, an dem Sie sich sicher fühlen, geborgen und orientiert, vielleicht sogar: frei? Wofür brauchen Sie Heimat, Frau Göring-Eckardt, Herr Steinmeier – und all die anderen, die davon nicht lassen wollen? Ob Kölschrocker oder Refugee – was denken Sie sich?
Ist Heimat ausgrenzend?

Man könnte nun natürlich, wenn man schon nicht auf unangenehme Besserwisser hören will, auch einfach auf angenehme Besserwisser hören. Wie kürzlich der taz zu entnehmen war, kann auch Anatol Stefanowitsch, Berliner Linguistik-Professor und der wahrscheinlich klügste Mensch im deutschsprachigen Twitter, mit dem Begriff Heimat nicht so viel anfangen. Mehr noch: “Wird Heimat zu einem politischen Begriff, wird es gefährlich, denn dann wird Heimat etwas, das durch die bedroht ist, die ein Zuhause suchen. Wenn der politische Heimatbegriff von einem konkreten Ort auf ein ganzes Land ausgedehnt wird, entsteht eine Nation, deren Mitgliedschaft durch Abstammung bestimmt ist. Die für niemanden ein Zuhause sein kann, für den sie nicht Heimat ist und die für niemanden Heimat werden kann, für den sie es nicht schon immer war.” Dass da etwas dran sein muss, kann man daran erkennen, dass ihm die ebenfalls sehr kluge Katja Bauer in der Stuttgarter Zeitung in diesem Punkt beisprang: Als Kampfbegriff sei das Wort Heimat “gefährlich”. “Eine nicht kleine Gruppe hat das schmerzliche Gefühl, die Deutungshoheit darüber einzubüßen, was in diesem Land zu bleiben habe, wie es war.” Die Quintessenz: Den Begriff nun ausgerechnet von jenen zu übernehmen, die Newcomer ausgrenzen und Wandel verteufeln, ist keine gute Idee!

Die Frage ist nur: Ist das so? Dass dieser Begriff für den einen oder die andere privat positiv besetzt sein mag und darf, aber nicht zu einem positiven Begriff in der politischen Sphäre taugt, der linken zumal? Und kann man Menschen, die diese Begriffsverkettung zurückweisen, bescheiden, sie könnten sich Begriffe nicht einfach so lange zurechtbiegen, bis sie ihnen passen? Ist das die letztgültige Definition von Heimat: ein irgendwie rührseliger Sentimentklumpatsch, der okay ist, wenn Neugroßstädter damit Anhänglichkeit zu ihren nach dem Abitur zurückgelassenen Herkunftsregionen ausdrücken, der aber dann gefährlich wird, wenn der Faschist in uns mal wieder einen Safe Space beansprucht, weil ihm Notunterkünfte für Geflüchtete und die Ehe für alle über den Kopf wachsen? Meint Heimat in der Politik stets jenen Ort, an dem trotzige Biodeutsche beim Martinsumzug Grillwürste vom Schwein essen, um es ihren muslimischen Mitbürgern mal so richtig zu zeigen? Zugegeben, zum hässlichen Selbstbild der Hiesigen von links bis rechts passt das nur zu schön.

Wer sich etwas näher mit dem Begriff beschäftigt, kommt schnell zu dem Punkt, dass diese Beschäftigung zwar durchaus lohnt, wenn man langen, komplexen, wendungsreichen Begriffsgeschichten etwas abgewinnen kann, nicht aber, um seriös zu einer Einschätzung zu kommen, wie, wann und ob überhaupt Heimat als ein politischer Ausdruck der Nicht-Rechten taugt. Heimat ist dafür zu alt, zu groß, zu ungenau, auch zu oft missbraucht, wofür sie sich in ihrer ganzen Nach-Innen-Richtung auch nur zu gut eignet. Nur so viel steht fest: Wer von ihr die Finger lässt, ist in jedem Fall auf der sicheren Seite.

Man kann es auch anders sehen: Wer Heimat für die politische Kommunikation ablehnt, ohne einen vergleichbaren Begriff für jene positive Zugehörigkeit, die sie im besten Sinn meint, zu präsentieren, zeigt – im Seehoferschen Sinn – eine offene Flanke. Die ist nicht rechts, nicht links, nicht oben, nicht unten, der Riss umschließt vielmehr all jene Erleuchteten, die, ganz aufgeklärt und rational, Politik von Emotion trennen können; die es sich leisten können, niemandem eine politische Heimat zu bieten, sondern nur ein Themen- und Positionen-Angebot. Mit dieser Ausgrenzung aber durch die, die an Heimat vor allem das Ausgrenzende fürchten, wird das nichts mehr mit der parlamentarischen Demokratie. Zu deren Wesen gehört es schließlich, dass Parteibindungen nicht nur durch einzelne Übereinstimmungen entstehen. Wenn Heimat – und das liegt näher, als es scheint – auch Vertrauen darein bedeutet, in jenen Punkten be- und mitgedacht zu werden, die man selbst nicht lückenlos überwacht, ist sie ein ur-linkes Gefühl. Sie entsteht eben nicht durch kühle Berechnung, sie ist nicht handelbar am Markt, sie ist plötzlich da, wo Menschen das Gefühl haben, gemeinsam mit ihrer Umgebung gemeint und berücksichtigt zu sein.
Heimat ist Patchwork

Freilich ist diese hochpolitische Heimat nicht voraussetzungslos, soll der Begriff nicht am Ende doch national oder gar völkisch ausgrenzend sein: Sie muss natürlich solidarisch sein und stets offen für Wandel, sie darf Zugehörigkeit nicht über Herkunft definieren und sie darf niemandem ein absolutes Bekenntnis abverlangen. Ein Kritikpunkt in der bisherigen Debatte war, dass Heimat keinen Plural kennt, dass der Begriff am Ende doch immer eine bestimmte geografische Einheit meint sowie jene Teile der Bevölkerung, die dort verwurzelt sind.

Dieser Plural – Heimaten – ist aber sprachlich leicht zu bilden, und er ist die Zukunft des Begriffs: Schon jetzt betrifft er die Lebenswirklichkeit in einer beweglicher werdenden Gesellschaft, in der es vor Wahl- und neuen Heimaten nur so wimmelt. Die Heimat der Zukunft, um hier final alle konservativen Kopfnicker zu vergraulen, ist Patchwork statt Privileg. Sie ist anschlussfähig für alle, die nach ihr suchen und die, anders als die gesegneten Rationalist*innen, für ihr psychisches Wohl darauf angewiesen sind, irgendwo oder irgendwie heimisch zu werden. Vielleicht findet sich dafür ja bald ein Begriff, der nicht so kontrovers ist wie Heimat und nicht so unverortet wie Solidarität. Bis dahin ist ein solidarisches Heimatgefühl nicht die schlechteste Basis für eine demokratische Zukunft.

Womit wir wieder bei Katrin Göring-Eckardt und Frank-Walter Steinmeier wären. Erstere schrieb in einem Gastkommentar für die taz: “Gegen die rechte Heimatschutzpropaganda gilt es deshalb, unbeirrt für ein offenes Verständnis von Heimat zu kämpfen.” Letzterer betonte in seiner Einheitsrede: “Doch die Sehnsucht nach Heimat dürfen wir nicht denen überlassen, die Heimat konstruieren als ein ‘Wir gegen Die’; als Blödsinn von Blut und Boden; die eine heile deutsche Vergangenheit beschwören, die es so nie gegeben hat.” Man kann nun natürlich finden, die beiden hätten den Begriff lieber rechts liegen lassen sollen, zumal ihn ausgerechnet die Europäerin Göring-Eckardt durchaus unglücklich mit der “Liebe” zu diesem “Land” verband. Den beiden aber zu unterstellen, sie würden ähnlich der Seehofers und Söders am rechten Rand nach Anerkennung fischen, zeigt eine doch etwas zu groß geratene Sehnsucht nach einer übersichtlichen Welt: Den Vereinfachern aus allen politischen Richtungen dürfte da ganz heimatlich zumute werden.

 

Nachrichtenquelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-10/heimat-katrin-goering-eckardt-frank-walter-steinmeier

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