Fake News mit fatalen Folgen: Das sind fünf berühmte Propaganda-Lügen der Geschichte

Autor Armin Fuhrer

Dienstag, 19.09.2017, 16:35

Ständig ist die Rede von Fake News. Man könnte meinen, das sei ein neues Phänomen. Doch bewusste Falschmeldungen gab es schon immer. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass viele der Lügen sogar dramatische Folgen hatten, die viele Menschen das Leben kosteten.

Seit Wladimir Putin die Krim besetzen ließ und seine Soldaten „auf Urlaub“ in die Ostukraine schickte, seit Donald Trump sich seine Wahrheiten so zurechtbiegt, wie es ihm gerade passt und AfD-Politiker hemmungslos mit Fake News – also bewussten Falschmeldungen – den politischen Gegner attackieren, sind Lügen in der Politik offenbar salonfähig geworden. Das ist jedoch keine neue Entwicklung.

Seit Menschen Politik machen, ihre Meinungen durchsetzen wollen und Kriege führen, gehörten Lügen immer dazu. Ganz gleich, ob bei den alten Griechen, den Päpsten des Mittelalters, den Bolschewisten und Nazis, der Stasi oder im Weißen Haus in Washington. Die Folgen waren oftmals dramatisch und kosteten viele Menschen das Leben. Die fünf folgenden Beispiele sind nur ein ganz kleiner Ausschnitt berühmter Lügen aus der jüngeren Geschichte .

1. Die Legende vom „Dolchstoß“

Dass Deutschland den Ersten Weltkrieg nicht aus militärischer Unterlegenheit gegenüber den Westalliierten verloren habe, sondern weil im eigenen Land Kommunisten, Sozialdemokraten und Juden der kämpfenden Truppe in den Rücken gefallen seien, ist eine der wirkmächtigsten Lügen des 20. Jahrhunderts. Im August 1914 waren die deutschen Soldaten im Glauben in den Krieg gezogen, der Feind würde im Handumdrehen besiegt werden und sie selbst zu Weihnachten wieder zu Hause sein – das dachten übrigens die Soldaten auf allen Seiten.

Der zu Beginn rasante deutsche Vormarsch lief sich aber sehr schnell fest. Was folgte, war ein jahrelanger Stellungskrieg, der die materiellen und personellen Ressourcen Deutschlands und seiner Verbündeten auf Dauer bei weitem überstrapazierte. Vor allem, als 1917 auch noch die USA an der Seite Englands und Frankreichs in den Krieg eintraten, war das Schicksal des Kaiserreichs besiegelt.

Daran änderte auch der Sieg über Russland Anfang 1918 und die letzte Offensive im Westen nichts mehr. Die deutsche Oberste Heeresleitung musste im September 1918 eingestehen, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei. Sie übertrug es den demokratischen Politikern, die notwendigen Waffenstillstandsverhandlungen und im folgenden Jahr die Verhandlungen über den Friedensvertrag von Versailles zu übernehmen und zog sich somit geschickt aus der Verantwortung.

Freilich wollten die Militärs und mit ihnen die rechten und nationalistischen Kreise die moralische Bürde der Niederlage nicht tragen. Sie behaupteten daher, das deutsche Heer sei „im Felde unbesiegt“ geblieben. Deutschland habe den Krieg nur verloren, weil die linken Kräfte des eigenen Volkes der Armee in den Rücken gefallen seien. Im November – erst nach der Bitte um einen Waffenstillstand – kam es zwischen Kiel und München zur Revolution. Der Kaiser musste abdanken und ins holländische Exil gehen.

Rechte wie Nationalisten und Völkische behaupteten, der Grund für die Niederlage liege in dieser Revolution. Die linken „Novemberverbrecher“, wie sie bald genannt werden sollten, hätten der eigenen Armee einen Dolch in den Rücken gerammt – die Legende vom Dolchstoß war geboren. Mit den Tatsachen hatte das überhaupt nichts zu tun.

Aber die Legende hielt sich hartnäckig. Vor allem Adolf Hitler nutzte sie für den politischen Kampf – und zwar sehr erfolgreich. Ohne die Dolchstoßlegende wäre es Hitler zweifellos schwerer gefallen, die Macht in Deutschland zu erobern. Vielen Deutschen erschien es einfach zu verlockend, die Schuld für die Niederlage just bei denen zu suchen, die den Krieg beendet, anstatt bei denen, die ihn angezettelt hatten.

2. Die Erfindung der „Protokolle der Weisen von Zion“

Ungefähr 20 Jahre vor der Dolchstoßlegende wurde eine andere Lüge in die Welt gesetzt, die, was Deutschland betrifft, nach dem Ersten Weltkrieg mit dem „Dolchstoß“ in Verbindung gebracht werden sollte. Ihre Wirkung war aber von einer weltweiten Tragweite – und wird noch heute von Antisemiten und in islamischen Ländern verbreitet. Die Rede ist von den angeblichen „Protokollen der Weisen von Zion“.

Sie tauchten das erste Mal um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Russland auf. Es handelte sich dabei um angebliche Aufzeichnungen eines geheimen Treffens jüdischer Führer, bei dem diese besprochen haben sollten, mit welchen Methoden sie für die Juden die Weltherrschaft erobern könnten. Die „Protokolle“, aufgezeichnet von einem unbekannten Autor, hatten kein Datum, keinen Ort und auch sonst keinerlei Hintergründe.

So sind sie bis heute im antisemitischen Kampf geradezu universell einsetzbar. Tatsächlich stellte ein britischer Journalist bereits 1920 fest, dass es sich dabei um eine platte Fälschung handelte und dazu noch um ein Plagiat. Denn die „Protokolle“ waren bereits 1864 erstmals in Frankreich erschienen – damals allerdings als Kritik am französischen Kaiser Napoleon III. Mit den Juden hatten sie zunächst überhaupt nichts zu tun gehabt. Sie waren später einfach abgeschrieben und auf die Juden umgemünzt worden. So platt diese Fälschung auch war – bis heute hält sich in antisemitischen, rechtsextremen und islamischen Kreisen die Behauptung, die „Protokolle“ seien echt.

3. Der „polnische Überfall“ auf den Sender Gleiwitz

Im August 1939 war Adolf Hitler wild entschlossen, einen Krieg gegen Polen anzuzetteln und das östliche Nachbarland zu vernichten. Allerdings brauchte er irgendeinen Vorwand, um losschlagen zu können. Schließlich wurde Reinhardt Heydrich, ein enger Vertrauter von SS-Chef Heinrich Himmler, damit beauftragt, an der deutsch-polnischen Grenze angebliche polnische Provokationen zu inszenieren. Am Abend des 31. August „überfielen“ deutsche SS-Leute in polnischen Uniformen in einer zuvor wochenlang geplanten Aktion den Reichssender Gleiwitz an der Grenze zum Nachbarland.

Sie sollten sich in die laufende Rundfunksendung schalten und behaupten, sie seien polnische Angreifer. Um die Aktion glaubhafter aussehen zu lassen, wurde sogar eine Leiche in polnischer Uniform am Ort drapiert. Dabei handelte es sich allerdings um einen deutschen Staatsbürger, der mit den Polen sympathisiert hatte und eigens für den Überfall umgebracht wurde – der erste Tote des Zweiten Weltkriegs.

Bei der Aktion ging einiges schief, aber das war Hitler egal. Er hatte den Vorwand, den er brauchte. Am nächsten Morgen griffen deutsche Flieger die kleine polnische Stadt Wielùn an, deutsche Soldaten überschritten die Grenze nach Polen ohne irgendeine Kriegserklärung. Hitler machte im Reichstag seinen berühmten Ausspruch: „Seit 5.45 Uhr wird nun zurückgeschossen“. Das war nicht nur perfide, sondern auch falsch – tatsächlich hatte der deutsche Angriff schon eine Stunde früher begonnen. Vor allem aber wurde nicht „zurückgeschossen“, denn polnische Übergriffe auf die deutsche Seite hatte es schlicht nicht gegeben.

4. Der „Amikäfer“ aus der DDR

Ganz vorne dabei, was die Fälschungen und Fake News anging, war immer auch die Stasi in der DDR. Sie hatte sogar eine eigene Abteilung für Desinformation gegründet. Schon 1950, wenige Monate nach der Gründung, schlugen die Fälscher im Auftrag der Staatspartei SED publikumswirksam zu. Im Mai des Jahres wurde das Land von einer Plage überzogen, bei der man – wenn die DDR kein atheistisches Land gewesen wäre – durchaus von biblischen Ausmaßen hätte sprechen können. Millionen Kartoffelkäfer fraßen sich durch die Kartoffelfelder und zerstörten die Pflanzen. Für die Behörden war das ein Fiasko, denn das Land befand sich nach dem Zweiten Weltkrieg noch im Wiederaufbau, die Kartoffelernte war wichtig für die Versorgung der Bevölkerung – und aus Sicht der Behörden war das schlimmste, dass man im Kampf gegen den Klassenfeind im Westen weiter zurückzufallen drohte.

Doch die SED-Oberen fanden einen Dreh, mit dem sie hofften, aus der Krise einen Propagandaerfolg machen zu können: Sie setzten die Behauptung in die Welt, die Amerikaner hätten von Flugzeugen aus die Käfer über der DDR abgeworfen, um sie zu schwächen. Neben der Käferplage rollte nun auch eine Propagandawelle über das Land, die Zeitungen berichteten in großer Aufmachung von dem vermeintlichen Bio-Angriff aus den USA.

Die Tatsachen sahen allerdings anders aus. Auf internationaler Ebene war bereits im Winter vor einer Käferplage gewarnt worden. Auch DDR-Experten waren einbezogen worden. Die DDR-Behörden wussten also genau, was auf sie zukommen würde. Aber sie handelten nicht, aus Unfähigkeit und aus Mangel an Pflanzenschutzmitteln. Der außergewöhnlich warme Frühling 1950 verschlimmerte die Plage schließlich noch.

Mit ihrer antiamerikanischen Propaganda wollten sie schlicht ihr eigenes Versagen verdecken. Zunächst hatten sie sogar einigen Erfolg damit bei der eigenen Bevölkerung, aber bald wirkte die Lüge doch zu platt. So verstummte im Laufe des Sommers die Propaganda. Bei überzeugten SED-Anhängern hielt sich die These vom biologischen Überfall der USA auf die kleine DDR aber noch lange hartnäckig.

5. Die Mär von Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen

Am 11. September 2001 hatten islamistische Terroristen die USA mit Flugzeugen angegriffen, von denen zwei in das New Yorker World Trade Center rasten. Die furchtbare Bilanz: Rund 3000 Tote. US-Präsident George W. Bush schwor Rache – und brauchte dringend Erfolge. Er fokussierte sich auf das brutale Regime des irakischen Herrschers Saddam Hussein. Die US-Regierung behauptete, Saddam verfüge über ein Arsenal von Massenvernichtungsmitteln, die eine Gefahr für den Rest der Welt darstellten. Bush schickte seinen Außenminister Colin Powell in den Weltsicherheitsrat. Powell war ein Mann, der Vertrauen genoss und als seriöser Politiker galt.

Doch als er am 5. Februar 2003 in seiner Rede behauptete, Saddam verfüge über mobile Labore zur Herstellung biologischer Waffen und arbeite auch daran, chemische und nukleare Waffen herzustellen, traf er bei vielen seiner Verbündeten, nicht zuletzt bei dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder und dessen Außenminister Joschka Fischer, auf Skepsis.

Am 20. März begann Bush den Krieg gegen den Irak. Allein: Belege für angebliche Waffenlabore wurden nie entdeckt. Saddam wurde gestürzt, aber der Irak kam nicht zur Ruhe, sondern wird noch immer regelmäßig von Bombenanschlägen erschüttert. Bis heute sind nach verschiedenen Quellen mehr als 100.000 Zivilisten umgekommen. Colin Powell distanzierte sich später von seinen eigenen Äußerungen im UN-Sicherheitsrat.

 

Nachrichtenquelle: http://www.focus.de/wissen/fakenews-wie-fakenews-und-luegen-die-geschichte-beeinflussten_id_7586263.html

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