Eine Linke braucht es nicht mehr

Die Formeln der Kapitalismuskritik sind leer geworden. Als politische Lösung taugen sie kaum noch, um eine Gesellschaft zu ändern. Wir benötigen neue Denkmodelle.
Von Armin Nassehi

Die Eskalation von Gewalt während des G20-Gipfels in Hamburg wird aufgearbeitet. Sowohl die Polizeistrategie als auch die zum Teil zynische Planung der Veranstalter stehen unter strenger Beobachtung. Die Polizei muss sich dafür rechtfertigen, einerseits friedliche Demonstrationen allzu sehr eingeschränkt zu haben, andererseits angesichts der Gewalteskalation nicht präsent genug gewesen zu sein. Darin zeigt sich ein Dilemma von Polizeistrategien, auf der einen Seite durchaus wissen zu können, dass und ob Versammlungen in einer bestimmten Situation eskalieren, auf der anderen Seite aber unter Rechtfertigungszwang zu geraten, wenn man allzu frühzeitig eingreift.

In Hamburg scheinen beide Seiten des Dilemmas allzu deutlich geworden zu sein. Vielleicht wurde an manchen Stellen polizeilich zu wenig deeskaliert, während man sich an anderen Stellen eine “militärischere” Form der Abwehr gewünscht hätte. Aber das ist leichter gesagt als für die Entscheider getan.

Die Veranstalter dagegen vergießen Krokodilstränen. Erst kündigen Sprecher der Roten Flora den größten Schwarzen Block aller Zeiten an, danach zeigen sie sich entsetzt über das Ausmaß. Einer der Sprecher hatte an den Gewalttätern vor allem zu kritisieren, dass sie im eigenen Umfeld und nicht in den Stadtvierteln der Reichen und Privilegierten brandschatzen. Auf dieser Basis moralisch empört zu sein, ist widerlich.
Gewalt ist attraktiv

Die Aufmerksamkeitsökonomie will es, dass nicht nur der zum allergrößten Teil friedliche Protest gegen das G20-Treffen aus dem Blick geraten ist, sondern auch der innere Zusammenhang zwischen Protesten und dem Problem, um das es geht. Der Schwarze Block ist keineswegs der illegale Arm des legalen Protestes von Globalisierungsgegnern, aber es besteht durchaus ein innerer Zusammenhang zwischen beiden. Wenn viele Linke derzeit betonen, die Gewalttäter seien keine Linken, sondern nur Kriminelle, kopiert sich hier ein Muster, das wir auch aus anderen Feldern kennen. Wie der islamistische Terror nichts mit dem Islam zu tun haben soll (was zugleich stimmt und nicht stimmt) und rechtsradikale Anschläge auf Asylbewerberheime nichts mit einem in vielen Milieus der Gesellschaft verbreiteten latenten Rassismus (was zugleich stimmt und nicht stimmt), wird auch hier den Gewalttätern letztlich abgesprochen, etwas mit der Sache selbst zu tun zu haben.

Gewalt hat im politischen Feld stets mindestens zwei Funktionen. Nach einer sehr plausiblen These von Jan Philipp Reemtsma sind Adressaten der Gewalt vor allem Dritte. Es geht um vorgeführte Gewalt. Es geht um eine Gewalt, die sich oftmals viel weniger an das konkrete Opfer wendet als an Beobachter, denen vorgeführt werden kann, dass man die Gewaltpotenziale hat. Dabei ist die Frage, ob es nur Gewalt gegen Sachen oder auch unmittelbar gegen Menschen ist, kein wirklich systematischer Unterschied. Es geht vielmehr darum, das Medium der Gewalt vorzeigen und in Form bringen zu können.

Gewalt ist, und das ist ihre zweite Funktion, sehr attraktiv. Unmittelbare körperliche Gewalt entfaltet eine Attraktivität der Tat. Die Attraktion körperlicher Gewalt besteht darin, dass sie die Zeit verkürzt, dass sie unmittelbare Wirkungen zeitigt, dass sie – buchstäblich – kurzen Atem verursacht und keinen langen Atem verlangt. Und sie bringt Wirkungen hervor, die man durch Kommunikation, durch Argumente nicht mehr zurücknehmen kann. Sie entzieht sich der prinzipiellen Ja/Nein-Codierung der Sprache.

Die Kehrseite der Spaßgesellschaft

Man kann Gewalt nicht widersprechen. Man muss sie nicht auslegen, interpretieren oder deuten. Sie setzt gewissermaßen absolute Markierungen in die Welt. Anders als Kommunikation verdoppelt Gewalt die Welt nicht. Sie drückt die Welt nicht aus. Sie muss sich nicht um ihre angemessene Repräsentation bemühen. Sie bietet nur wenig hermeneutische Probleme. Anders als das Wort steht die Gewalt nicht für etwas anderes, sondern Gewalt ist, was sie tut. Sie setzt unmittelbar Schnitte, Schüsse, Schläge in die Welt. Gewalt simuliert – für einen Moment! – totale Macht, Durchsetzungsfähigkeit und Autonomie. Und sie vermittelt Erfahrungen, heute sagt man: Erlebnisse, gegen die man kognitiv und pädagogisch, also mit Medien der Selbstdistanzierung, wohl kaum ankommt.

Vielleicht ist Gewalt die andere Seite der Spaßgesellschaft, des “Ich will alles, und zwar sofort”. Vielleicht auch dieselbe.

Hier besteht die Verbindung zur anderen Seite, zur friedlichen Seite der Proteste gegen den G20-Gipfel. Womöglich, auch wenn das eine starke These ist, hat die zweite Gewaltfunktion, die Vereinfachung der Verhältnisse, einen inneren Zusammenhang mit der Art der Proteste gegen den G20-Gipfel. Gerade unter Linken gibt es das, was man ein Sympathieparadox nennen kann. Es ist eine echte Kommunikationsfalle, denn die Ziele der Linken sind allesamt ebenso sympathisch wie berechtigt: Globale Gerechtigkeit, Kampf gegen Armut und Not, militärische Entspannung, ökologische Heilung, nicht zuletzt die Gleichheitsanerkennung von Ansprüchen für alle. Niemand kann ernsthaft irgendetwas gegen solche Forderungen und Ziele haben.

Das ist letztlich der Unterschied zu rechten Zielen: die Erhabenheit des Eigenen zu betonen, Gleiches ungleich zu behandeln, das Individuum hinter kollektiver Zugehörigkeit zurücktreten zu lassen, Partikularismus dem Universalismus vorzuziehen. Solche Forderungen sind, im Vergleich zur Linken, kaum widerspruchsfrei zu begründen und müssen dezisionistisch gesetzt oder in metaphysischer oder biologistischer Verbrämung behauptet werden.

Hier liegt ein Antipathieparadox vor: Manchmal gibt es gute Gründe für die Bevorzugung des Eigenen oder die ungleiche Behandlung von prinzipiell Gleichem wie etwa bei der Differenz von partikularen Bürger- und universalen Menschenrechten. Auch dass Wohlfahrtsstaaten auf die Ungleichbehandlung von denen innerhalb und denen außerhalb von Grenzen angewiesen sind, ist fast unausweichlich und ebenso richtig wie unsympathisch. Dass die Rechten mit diesen Provokationen spielen und strategisch als Tabubruch einsetzen können, macht ihnen das Unsympathische zumindest bewusst.

Das Sympathieparadox der Linken dagegen macht Selbstbeobachtung geradezu unmöglich. Es ist kaum möglich, die Bedingungen der unbedingten Ziele zu reflektieren, weil sie ja so unbedingt daherkommen, was für viele die nicht zu unterschätzende Frage nach dem Weg zu den Zielen geradezu systematisch verstellt. Der blinde Fleck all dieser Diskussionen ist Kapitalismuskritik. “Kapitalismus abschaffen” – das ist die Kontingenzformel linker Protestformen. Die Wurzel allen Übels lässt sich so benennen, ohne dass genau bestimmt werden könnte, was das bedeutet und wie das bewerkstelligt werden sollte.
Linke Modelle kennen ein Ziel

Dass es negative Folgen brutaler Gewinnorientierung gibt, ist unbestritten. Dass die vollständige Privatisierung öffentlicher Güter Fehlanreize produziert, ist allzu deutlich. Dass es so etwas wie eine Narrenfreiheit von Konzernen vor allem in Ländern mit korrupten Regimen gibt, ist eine Binse. Und dass manches korrupte Regime in der globalen Arbeitsteilung aus geostrategischen, militärischen und rohstoffwirtschaftlichen Gründen gestützt und stabilisiert wird, ist kein Geheimnis. Das sind in der Tat Probleme einer Welt, die aussieht, als sei sie aus den Fugen geraten. Und die Bearbeitung solcher Fragen ist komplex. Man müsste die unterschiedlichen Erfolgskonzepte ökonomischer und politischer Handlungsmöglichkeiten diskutieren. Auf der Agenda steht die Frage, wie transnationale Rechtsansprüche jenseits sanktionsbewehrter Regulierung möglich sein sollen. Völlig offen ist die Frage, von wo aus und durch welche Akteure solche Fragen gelöst werden können und ob sich hier wirkungsvolle Routinen etablieren lassen.

Eine linke Denkweise beginnt stets dort, wo eine eher politiknahe Form der Lösung solcher Probleme gesucht wird und wo man sich eine konsistente Gestalt einer gelungenen Welt vorstellen kann. Linke Modelle kennen das Ziel. Der blinde Fleck besteht darin, dass es wenig Sensibilität für die widerstreitenden Kräfte einer Gesellschaft gibt, die ökonomische, politische, rechtliche, auch bildungsförmige, kulturelle und religiöse Formen miteinander koordinieren muss, ohne dass so etwas wie eine zentrale Koordinationsstelle dafür denkbar ist. Die Überschätzung staatlicher (oder staatsförmiger überstaatlicher) Instanzen ersetzt gewissermaßen die Funktion jener Koordinationsstelle. Und linke Bürgerkinder können sich schon normativ kaum vorstellen, dass diese Koordination nicht mit einigem guten Willen hinzukriegen ist.

Das ist der Effekt des Sympathieparadoxes. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass Menschen bei Trost nicht genauso denken. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass es komplexe Wechselwirkungsprozesse gibt, die man nicht einfach durch normative Forderungen einfangen kann. “Kapitalismuskritik” und “Kapitalismus abschaffen” sind lediglich Chiffren, leere Signifikanten für das Unbehagen an einer Welt, deren Wirkkräfte nicht einfach durch Einsicht und ohne hohe Kosten aufeinander bezogen werden können.
G20 als Provokation

Deshalb ist diese linke Idee der Gesellschaftsveränderung, der Transformation, des Umbaus und wie die Metaphern alle heißen, latent autoritär, weil man sie eben doch durchsetzen muss. Dass dieses Autoritäre hässlich sein kann, dass solche Regulierung nur mit ziemlichen Eingriffen möglich ist und sie am Ende doch nicht so einfach zu haben ist wie in der Fantasie, sind wohl der Grund dafür, warum auch der fröhliche Protest letztlich seine eigene Unfähigkeit wenigstens ahnt, an der Komplexität der Gesellschaft zu scheitern.

Es gibt letztlich zwei Formen des Protests gegen Komplexität – nimmt man einmal die rechte Form der Konzentration auf die Reinheit des Eigenen und deren geistigen Protektionismus aus. Die eine ist die mit einem insuffizienten Begriff “neoliberal” genannte Form des Nicht-Eingreifens in Prozesse und die völlige Entstaatlichung und Entrechtlichung öffentlicher Güter. Die andere ist die linke Idee der Regulierung der Schnittstellen zwischen ökonomischer Dynamik und politischer Regulierung und Gestaltbarkeit. Die beiden Seiten sind feindliche Brüder vom gleichen Stamm. Mit dem Neo-Protektionismus der USA und auch mancher europäischer Länder könnte die Phase des “Neoliberalismus” vorbei sein. Die linke Idee des Umbaus der Gesellschaft bei laufendem Motor freilich lebt fort. Sie lebt vom Glauben an die politische Regulierbarkeit der Welt und richtet sich in der subalternen Fantasie ein, dass die Herrschenden nur könnten, wenn sie auch wollten. Das ist ebenso kindlich wie selbstberuhigend.
Protest – richtig, aber auch wohlfeil

Welche autoritären Folgen diese Denkweise am Ende haben kann, kann man etwa in den Schriften über den ökologischen Wandel des Ökonomen Niko Paech – um ein besonders drastisches Beispiel zu zitieren – nachlesen. Wenn man Forderungskataloge solcher Autoren liest, die eine bestimmte Lebensweise entwerfen, die nichts weniger als das bisherige Geld- und Zinssystem, zu große Gewinnerwartungen, die Steigerung materieller Selbstverwirklichungsansprüche etc. anprangern, dann mag das alles durchaus begründbar sein. Es atmet aber einen autoritären Geist, weil diese Autoren wissen, dass ihre Forderungen nicht einfach umsetzbar sind und tatsächlich staatlich-zentralistische Regulierung voraussetzen, wenn die Leute nicht wollen, was sie sollen.

Vor diesem Hintergrund ist der G20-Gipfel in der Tat eine Provokation. Er steht für zweierlei. Zum einen ist er selbstverständlich ein interessegeleiteter Club der Mächtigen. Wer etwas anderes erwartet, ist naiv. Natürlich geht es um Interessen, natürlich ist es ein strategisches Spiel um Bilder und Einflusssphären. Er ist geradezu die Personifizierung dessen, was alles falsch läuft. Zum anderen ist er aber auch eine Provokation, weil an dem Gipfel deutlich wird, dass die Probleme der Welt tatsächlich komplex und Eingriffe bei laufendem Motor nicht trivial sind. Mit solchen Sätzen kann man natürlich nicht unter Sympathieverdacht geraten, sondern bleibt ein gnadenlos unsympathischer Spielverderber. Letztlich wurde auf dem G20-Gipfel vorgeführt, wie sich die Wirkkräfte ökonomischer, politischer, rechtlicher, militärischer Art zueinander verhalten. Dagegen zu protestieren ist gut, richtig – aber eben auch wohlfeil, denn gegen Strukturen, gegen Komplexität, gegen eine Welt, die sich dem Zugriff von Entscheidungen entzieht, kann man nicht so leicht protestieren wie gegen 20 Leute, die man zur Fratze dessen stilisiert, was alles falsch läuft.

Die Linke hatte mit ihrer Kapitalismuskritik einmal eine Theorie, die in der Lage war, auf Strukturprobleme hinzuweisen, vor allem auf die Frage, wie sich ökonomische Dynamik und staatliche Kompensation von Ungleichheitseffekten zueinander verhalten. Die Sozialdemokratisierung der klassischen Konflikte, also für die Aushandlung zwischen der Dynamik eines Wirtschaftssystems und den Stabilitätsanforderungen eines politischen Systems, war das große Erfolgsmodell des westlichen industriegesellschaftlichen Modells. Mit der Durchsetzung, aber auch der globalen Infragestellung dieses von der regulativen Idee autarker Staatlichkeit geprägten Modells, ist dieses Modell an sein Ende gekommen. Geblieben ist der leere Signifikant “Kapitalismus abschaffen”, der vor allem dazu dient, eine Spur von Sagbarkeit der Probleme zu erhalten. Als theoretische und politische Lösung taugt das nicht mehr. Um den Sympathieverdacht der eigenen Forderungen zu erhalten, dafür reicht es allemal.

Für die einen ist es ein Horizont, ein wenig richtiges Leben im falschen zu spielen und vor allem lebensweltnahe Lösungen zu finden. Dagegen ist nichts zu sagen, aber mit “Kapitalismus abschaffen” hat das nichts zu tun – und womöglich hilft es auch nur über die Langeweile eines Alltags, in dem man handhabbare Konflikte nicht mehr vorfindet, nicht einmal mehr gegen die eigene Elterngeneration. Es ist ein Symbol dafür, dass es uns eigentlich ganz gut geht, aber man doch ein Gefühl dafür hat, dass etwas mit der Welt nicht stimmt. Statt die Wirkkräfte einer Gesellschaft zur Kenntnis zu nehmen, die sich dem direktiven Zugriff entziehen, reicht es offenbar, sich paradoxerweise im großen Schuldzusammenhang eines “Lebens auf Kosten anderer” auf der falschen Seite zu wähnen, um damit auf der richtigen Seite zu stehen.
Friedliche Demonstranten und gewalttätige Protestler sind nicht dasselbe

Für die anderen ist es ein Anlass für unversöhnlichen Protest, für die Ankündigung des größten Schwarzen Blocks aller Zeiten und für die medienwirksame Form der Gewalt, mit der man das falsche Leben wenigstens zum Ausdruck bringen kann. Erstaunlicherweise findet sich auf beiden Seiten eine eigentümliche Entpolitisierung des Protestes. Begnügt sich die eine Seite damit, sich mit starken Chiffren und einfachen Schuldzuweisungen, mit hübschen und konsistenten Visionen des besseren Lebens selbst zu beruhigen, beunruhigt die andere Seite mit einer geradezu ästhetischen Form, auf die Undurchdringlichkeit der Welt hinzudeuten. Die Gewalt der marodierenden Banden in Hamburg (und anderswo) ist ja nur Ausdruck einer völligen Planlosigkeit und Diagnoseunfähigkeit, deren gewaltsame Statements wenigstens eindringlich daherkommen und Handlungsfähigkeit simulieren.

Keinesfalls kann man ernsthaft behaupten, dass die friedlichen Protestler und die gewaltsamen Kriminellen identisch seien. Es liegen Welten zwischen ihnen. Aber der innere Zusammenhang besteht doch darin, dass beide Gruppen ihre Ohnmacht angesichts der eigenen Problemdiagnose erleben – die im einen Fall eher ästhetisch und mit einfachen Schuldzuweisungen bearbeitet wird, im anderen mit der tatkräftigen Attraktivität lauter Gewalt und ihrer anmaßenden Form des Dezisionismus.

Wenn man es wirklich böse formulieren will, dann gibt es eine merkwürdige Ähnlichkeit zur rechten Seite. Der rechte Kleinbürger hält Migration und Flucht für ein Symbol der Unordnung auf der Welt, und das Ressentiment dient ihm dazu, Ordnung zu simulieren. Für ihn ist aber letztlich die Tatsache eine Provokation, dass Deutschland ein vergleichsweise erfolgreiches Einwanderungsland ist, dessen Erfolge sich zum Teil ohne politischen Willen eingestellt haben. Dass die Welt “bunter” geworden ist und dennoch nicht zusammenbricht, bringt manche zur Weißglut.
Wir brauchen neue Denkweisen

Analog dazu ist es eine Provokation für den linken Diskurs, dass es der globalisierten Welt noch nie so gut ging wie heute. Viele entscheidende Parameter und Messgrößen weisen darauf hin, dass Indikatoren wie absolute Armut, Säuglingssterblichkeit etc. sinken, Bildung, medizinische Versorgung, sogar Demokratieindizes und nicht zuletzt die mediale Aufmerksamkeit für Missstände steigen. Die größere Beteiligung von Frauen an der Mehrwertproduktion ist ein deutlicher Hinweis auf Entwicklungsfortschritte. Solche Daten kann man nicht ignorieren, wenn man sich ernsthaft mit der Globalisierung beschäftigt und nicht nur an einem universalen Schuldzusammenhang interessiert ist, vor dessen Hintergrund man sich dann mit der Formel “Kapitalismuskritik” beruhigen kann.

Solche Daten erzählen nicht, dass alle Probleme gelöst seien, und das sind sie bei weitem auch nicht. Aber sie wirken für manche Linke wie eine Provokation, weil sie darauf hinweisen, von welch vielfältigen Faktoren Entwicklungs-, Gerechtigkeits- und Verbesserungseffekte abhängig sind. Mediale Aufmerksamkeit könnte ein Katalysator für Veränderungen sein. Und private Investitionen und an Entwicklungsländer angepasste Formen von Geschäftsmodellen können bisweilen stabilere Formen von Versorgung und Infrastruktur ermöglichen als staatliche Programme. Insofern sollte man das Ergebnis des Gipfels, in Afrika private Investitionen zu ermöglichen, nicht nur als so etwas wie Staatsversagen abtun.

Wahrscheinlich braucht es nach wie vor als links geltende normative Intuitionen. Aber eine Linke braucht es womöglich nicht mehr. Wir brauchen stattdessen Denkweisen, die zur Kenntnis nehmen, dass man moderne Gesellschaften intelligenter steuern muss, und anders als die Formel “Kapitalismus abschaffen” suggeriert. Erst dann dürfte eine angemessene und radikale Kritik des G20-Gipfels möglich sein. Denn das Problem ist nicht, dass sich die Regierungschefs der 20 Länder treffen. Das Problem ist, dass es noch keine Idee davon gibt, wie man die Wirkkräfte einer in sich differenzierten Gesellschaft nutzen kann, damit sie sich zum Besseren wendet. Und dann wäre es hinterher gut zu wissen, warum sie wirklich besser geworden ist. An der Abschaffung des Kapitalismus wird es nicht gelegen haben.

Nachrichtenquelle: http://www.zeit.de/kultur/2017-07/g20-linke-gewalt-kapitalismuskritik-globalisierung-essay#comments

Be the first to comment

Leave a comment

Your email address will not be published.


*


Unterstütze uns!

Abonnieren Sie uns!