Deutscher U-Boot-Kommandant beschloss, Schiffbrüchigen zu helfen – und geriet mit seiner Crew in große Gefahr

Es war ein ungewöhnliches Drama im Zweiten Weltkrieg: Ein deutsches U-Boot versenkte ein britisches Schiff, versuchte die Überlebenden zu retten – und wurde dabei selbst von einem US-Flugzeug attackiert. Es folgte ein Befehl, der nach dem Krieg das Internationale Militärtribunal in Nürnberg beschäftigen sollte.

Es war der 12. September 1942 um 22:07 Uhr deutscher Zeit, als eine gewaltige Explosion den Rumpf der „Laconia“ erschütterte. Kurz darauf ließ eine zweite Detonation das mächtige Schiff erbeben. Schwer getroffen neigte es sich nach Steuerbord und begann unaufhaltsam zu sinken. Für diejenigen an Bord, die nicht bereits getötet worden waren, begann nun der Kampf ums nackte Überleben.

Ausgelöst hatten die Explosionen zwei Torpedos , die ein deutsches U-Boot abgefeuert hatte. Im Schutz der Dunkelheit hatte sich U-156 unter dem Kommando von Korvettenkapitän Werner Hartenstein unbemerkt der „Laconia“ genähert. Die Briten nutzten das umgebaute Passagierschiff im Zweiten Weltkrieg als Truppentransporter. Am 1. September 1942 hatte es Kapstadt verlassen und Kurs durch den Südatlantik Richtung Kanada genommen.

An Bord befanden sich insgesamt mehr als 2.700 Menschen – die britische Besatzung, außerdem Soldaten und Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, polnische Wachleute sowie etwa 1.800 italienische Kriegsgefangene.
Die Deutschen waren sprachlos: Sie hörten Hilferufe auf Italienisch

Als U-156 noch näher an die sinkende „Laconia“ heranfuhr, um den Kapitän und den Schiffsingenieur gefangen zu nehmen, musste es sich den Weg durch Massen von Schiffbrüchigen bahnen. Etliche waren in vollkommen überladenen Rettungsbooten zusammengepfercht, andere klammerten sich an Wrackteile oder schwammen alleine im Wasser. Eigentlich wären genug Boote für alle vorhanden gewesen, doch die Explosionen hatten einige von ihnen zerstört. Und wieder andere konnten wegen der starken Neigung des Schiffes nicht mehr zu Wasser gelassen werden.

Die deutschen U-Boot-Fahrer waren überrascht, dass sie unter den Überlebenden auch Frauen erblickten. Vollkommen sprachlos waren sie jedoch, als sie Hilferufe auf Italienisch hörten. Von einigen Schiffbrüchigen, die sie aus dem Wasser zogen, erfuhren die Deutschen, dass die „Laconia“ zahlreiche italienische Kriegsgefangene an Bord hatte. Eine heikle Situation – war doch Italien unter seinem Diktator Benito Mussolini mit Hitler-Deutschland verbündet.
Schwieriges Dilemma: Helfen oder schnell das Weite suchen?

Was also tun? U-156 war auf dem Weg in die Gewässer vor Südafrika, um dort den alliierten Nachschub für den Nahen Osten zu bekämpfen. Sich um die Schiffbrüchigen zu kümmern, würde den Einsatz verzögern und das Boot überdies der Gefahr aussetzen, von gegnerischen Schiffen und Flugzeugen angegriffen zu werden. Denn die „Laconia“ hatte, nachdem sie von den Torpedos getroffen worden war, noch per Funk Alarm gegeben.

Auf der anderen Seite hätte es für Hunderte Menschen wohl den sicheren Tod bedeutet, wenn sich das U-Boot unverzüglich vom Ort des Angriffs entfernt hätte. Davon abgesehen, dass es für das Bündnis mit Mussolini eine schwere Belastung gewesen wäre, die italienischen Kriegsgefangenen im Stich zu lassen.

In „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“ schreibt der Militärhistoriker und Kapitän zur See a.D. Werner Rahn von einem „Zwischenfall, der wie kaum ein anderes Beispiel des Seekrieges die ambivalenten Dimensionen der Kriegswirklichkeit zeigte.“

Deutsche und italienische U-Boote sowie französische Schiffe eilten zu Hilfe

Der U-Boot-Kommandant entschied, die Schiffbrüchigen zu retten. Nach wenigen Stunden drängten sich 193 von ihnen an Bord von U-156. Außerdem informierte Hartenstein per Funk den Befehlshaber der U-Boote, Admiral Karl Dönitz, der von Frankreich aus mit seinem Stab die Einsätze der deutschen Unterwasser-Flotte leitete.

Dönitz entsandte daraufhin drei weitere U-Boote – zwei deutsche und ein italienisches –, um die Rettungsmaßnahmen zu unterstützen. Französische Schiffe sollten von Westafrika aus in See stechen und die Überlebenden schließlich aufnehmen. Hitler, der ebenfalls unterrichtet worden war, stimmte zähneknirschend zu – wobei er zynisch anmerkte, „U-156 hätte wegtauchen sollen“.
Ein US-Flugzeug griff die deutschen Retter an

„Der so genannte Laconia-Zwischenfall war eine ganz außergewöhnliche Angelegenheit“, sagt Werner Rahn. Zwar hätten deutsche U-Boot-Besatzungen schon in einigen früheren Fällen humanitäre Gesten gezeigt, indem sie Schiffbrüchigen beispielsweise Wasser und Verpflegung zukommen ließen. Aber an erster Stelle habe immer die Forderung gestanden, keine Risiken für das eigene Boot einzugehen.

Doch genau das tat der Kommandant von U-156. Und tatsächlich gerieten sowohl dessen Besatzung als auch die Schiffbrüchigen in höchste Gefahr. Am 16. September griff ein amerikanischer B-24-Bomber das U-Boot mehrfach an. Abhalten ließ sich der Pilot weder von der Rotkreuz-Flagge, die an Deck gespannt war, noch von der Tatsache, dass U-156 vier Rettungsboote mit Überlebenden im Schlepptau hatte.
Admiral Karl Dönitz befahl: In Zukunft keine Rettungsversuche mehr!

Eines dieser Boote wurde durch eine Bombe zerstört, ein anderes kenterte. Zahlreiche Schiffbrüchige starben. U-156 selbst wurde durch einen Treffer beschädigt und setzte sich ab, um Reparaturen durchführen zu können. Tags darauf wurde eines der anderen deutschen U-Boote ebenfalls von einem Flugzeug angegriffen, konnte jedoch rechtzeitig abtauchen. Trotzdem liefen die Rettungsmaßnahmen weiter. Ab dem 17. September nahmen die eintreffenden französischen Schiffe rund 1.100 Überlebende der „Laconia“ an Bord.

Die amerikanischen Angriffe auf die deutschen U-Boote hatten weitreichende Folgen. Am 17. September gab Admiral Dönitz den so genannten Laconia-Befehl heraus: „Jeglicher Rettungsversuch von Angehörigen versenkter Schiffe“ habe „zu unterbleiben“, hieß es darin. Denn „Rettung widerspricht den primitivsten Forderungen der Kriegführung nach Vernichtung feindlicher Schiffe und Besatzungen.“ An die deutschen U-Boot-Fahrer appellierte Dönitz: „Hart sein. Daran denken, dass der Feind bei seinen Bombenangriffen auf deutsche Städte auf Frauen und Kinder keine Rücksicht nimmt.“

Dönitz wurde wegen seines „Laconia-Befehls“ in Nürnberg angeklagt

Zu Rettungsmaßnahmen wie im Fall der „Laconia“ kam es fortan nicht mehr. Wegen seines Befehls musste sich Dönitz ab Herbst 1945 vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg verantworten. Der Vorwurf der Anklage lautete: Der Befehlshaber der U-Boote habe angeordnet, die Überlebenden versenkter Schiffe vorsätzlich zu vernichten.

„In der Tat lag den Deutschen daran, das Schiffspersonal der Alliierten zu reduzieren“, sagt Rahn. Doch hätten sie sich meist darauf beschränkt, Experten wie Kapitäne und Ingenieure gefangen zu nehmen. Zwar habe Hitler wiederholt gedrängt, jede Rücksicht gegenüber feindlichen Besatzungen fallen zu lassen. Allerdings habe sich die Seekriegsleitung dieser Linie nicht angeschlossen – weniger aus humanitären Erwägungen, sondern weil man negative Folgen für die Moral der eigenen Truppe befürchtet habe. Denn sie hätte dieselbe Behandlung von Seiten des Gegners befürchten müssen.
Freigesprochen und doch heftig kritisiert

Aus dem Zweiten Weltkrieg ist nur ein Fall belegt , in dem ein deutscher U-Boot-Kommandant es bewusst in Kauf nahm, Überlebende zu töten. Nachdem U-852 in der Nacht vom 13. auf den 14. März 1944 im Südatlantik den griechischen Frachter „Peleus“ versenkt hatte, ließ Kapitänleutnant Heinz-Wilhelm Eck die Wrackteile beschießen und mit Handgranaten bewerfen, um keine Spuren für feindliche Flugzeuge zu hinterlassen. Dabei kamen auch mehrere Schiffbrüchige ums Leben.

Nach dem Krieg verurteilte ein britisches Kriegsgericht Eck deswegen zum Tode. Ebenso den Bordarzt und einen Wachoffizier von U-852, die sich an der Beschießung der Wrackteile beteiligt hatten. Alle drei wurden hingerichtet.

Die Nürnberger Richter dagegen sahen es laut eigener Aussage „nicht mit der erforderlichen Sicherheit“ als erwiesen an, „dass Dönitz die Tötung schiffbrüchiger Überlebender vorsätzlich befahl.“ In diesem Punkt wurde er für nicht schuldig befunden. Trotzdem rügten sie scharf die Art und Weise, wie er seine Anweisungen formuliert hatte: „Die Befehle waren zweifellos zweideutig und verdienen stärkste Kritik.“

 

Nachrichtenquelle: http://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/zweiter-weltkrieg/untergang-der-laconia-vor-75-jahren-deutscher-u-boot-kommandant-beschloss-schiffbruechigen-zu-helfen-und-geriet-mit-seiner-crew-in-grosse-gefahr_id_7473940.html

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