Der König ist zurück

Seit vielen Jahren ist Roger Federer Gesicht und Herz des Tennis. Doch die Abgesänge auf ihn waren schon geschrieben. Jetzt steht er noch einmal im Finale von Wimbledon.
Von Petra Philippsen, London

Vor einem Jahr schien die Zeit in Wimbledon stillzustehen. Roger Federer lag am Boden, bäuchlings auf dem Rasen des Centre Courts, das Gesicht in den Händen vergraben, regungslos, sekundenlang. Der Mann, der mit so unvergleichlicher Eleganz die Tennisfans verzaubert, war aus der Balance gekommen. Der so leichtfüßige war gestolpert und auf sein wenige Monate zuvor am Meniskus operiertes Knie gefallen. Plötzlich war der scheinbar unverwundbare Federer verletzlich. Er stand wieder auf, verlor das Halbfinale jedoch und musste seine Saison danach ganz beenden. “Das ist das Ende einer Ära”, war sich der dreimalige Wimbledonsieger Boris Becker damals sicher. 371 Tage später sagt nun derselbe Boris Becker über Federer: “Er hat den Lauf seines Lebens. Aber im Prinzip ist sein ganzes Leben so.”

An diesem Sonntag spielt Federer gegen den Kroaten Marin Čilić sein elftes Wimbledonfinale und könnte mit seinem achten Titel im All England Club alleiniger Rekordhalter werden. Seit bald einem Jahrzehnt trotzt Federer den Abgesängen, nun ist er einen Monat vor seinem 36. Geburtstag zurück an jenem Ort, an dem mit dem Juniorentitel 1998 alles für ihn begann. Einmal mehr ist es Federer gelungen, sich neu zu erfinden.

Roger Federer aus Basel ist nicht nur irgendein Tennisspieler. Er ist Publikumsmagnet, Rekord-Grand-Slam-Champion – er ist Gesicht und Herz dieses Sports. Und dabei wirkt er trotzdem immer wie der nette Kerl von nebenan. Es gibt keinen zweiten Federer. Und er lässt sich auch schwer mit anderen Ikonen des Sports vergleichen.
Ein perfektes Image

Muhammad Ali, Tiger Woods, Cristiano Ronaldo oder Michael Jordan und LeBron James. Sie alle prägten und prägen Generationen, zogen sie in ihren Bann und hinterließen den Eindruck, als seien sie irgendwie nicht von dieser Welt. Und doch taten sie es auf ganz unterschiedliche Weise, aber nur für eine bestimmte Zielgruppe.

Federer ist ein Massenphänomen, eine Art Rockstar, den man einfach gesehen haben muss. Sein Vorteil: Tennis ist eine globale Sportart, und daher macht sie Federer für Sponsoren enorm attraktiv. Er ist der am besten vermarktete Athlet des Planeten, jährlich bringen ihm die Verträge inzwischen 50 Millionen Euro ein. Insgesamt sollen laut des Magazins Forbes in den zwei Jahrzehnten seiner Karriere etwa 550 Millionen Euro zusammengekommen sein, plus 87 Millionen Euro an Preisgeld. Seine Sponsorenpartner: Banken, Autofirmen, Hersteller von Luxusuhren, Süßwarenkonzerne. Federers geschwungenes RF-Logo ist längst zum Markenzeichen geworden, seine Sportbekleidungslinien sind Kassenschlager. Federer lebt von seinem perfekten Image. Jordan, Woods, Ronaldo – sie alle haben Brüche in ihrem Privatleben, Skandale und Abstürze. Bei Federer sucht man die vergeblich.

Wer ihm begegnet, erlebt einen offenen, eloquenten Menschen, der etwas sehr Verbindliches hat und deshalb so nahbar wirkt. Jedem, den er zum ersten Mal trifft, stellt er sich mit Namen und Händedruck freundlich vor, als wisse nicht ohnehin jeder, wie er heißt. Aber das kommt Federer gar nicht in den Sinn. Er wundert sich immer noch, dass er außerhalb des Tennisplatzes so oft erkannt wird.

Natürlich ist auch Federer nicht andauernd nur nett und völlig fehlerfrei. Doch es gelingt ihm, in allem, was er sagt und tut, authentisch zu wirken. Das hat Novak Đoković nie geschafft. Der Serbe ist neben Nadal und Murray Federers größter Widersacher, und so erfolgreich er auch ist, so sehr polarisiert Đoković die Fans. Mal gibt er den Clown, dann wieder den Oberlehrer oder den martialischen Krieger. Alles wirkt zu sehr gewollt bei Đoković, und es ist hart für ihn, mit ansehen zu müssen, wie Federer überall geliebt und geradezu vergöttert wird.
Wie in den Pioniertagen des Tennis

“Wenn Roger kommt, schauen alle nur noch ihn an, auch ich”, erzählt der Australier Nick Kyrgios, einer der jungen Wilden, die sich eigentlich um nichts scheren. “Ich schaue nur, sage aber nichts. Roger hat eine ganz besondere Aura, die ihn umgibt.” Dieses fast schon Magische, mit dem er auf dem Tennisplatz steht, und diese leichte Eleganz und Erhabenheit, die an die Pioniertage des Tennissports erinnern, machen Federers besondere Aura aus.

Der Schriftsteller David Foster Wallace, der selbst ein talentierter Tennisspieler gewesen ist, schrieb einmal über ihn, Federers Vorhand beispielsweise erinnere ihn an einen Peitschenhieb. “Sein Slice mit der einhändigen Rückhand ist derart angeschnitten, dass der Ball in der Luft Figuren beschreibt und auf dem Gras höchstens bis auf Knöchelhöhe aufspringt. Sein Aufschlag ist so schnell und genau und variantenreich, wie das kein anderer Spieler schafft.”

Nur wenige hatten nun damit gerechnet, dass es Federer noch einmal in ein Wimbledon-Finale schafft. Der Sturz vor einem Jahr wurde zum Neuanfang für ihn. Ein halbes Jahr lang ohne Tourleben, das schmerzte ihn zwar. Bereits im Frühjahr 2016 fehlte er wegen der Operation bei den French Open und verpasste damit sein erstes Grand-Slam-Turnier seit 1999. Doch die erneute Zwangspause war unumgänglich. Federer wollte sein Knie ganz auskurieren, und so hatte er neben der Reha, dem Fitness- und Aufbautraining auch endlich einmal Zeit. Zeit zum Durchatmen.

Über die sozialen Netzwerke postete Federer idyllische Fotos von seiner Wandertour durchs Appenzellerland, genoss als Familienvater mit seinen vier Kindern das Beisammensein in seinem Ferienort Lenzerheide, während in New York die US Open liefen. Dort musste auch sein großer Rivale Rafael Nadal verletzt die Waffen strecken. Erstmals seit 2002 erreichten weder Federer noch Nadal in einer Saison ein Grand-Slam-Finale. Und so schien es, als sei die Ära der beiden, die sich über ein Jahrzehnt hinweg so elektrisierende Duelle geliefert hatten, wohl wirklich beendet. Nadal betonte zwar: “Ich will wieder um große Titel kämpfen. Ich bin sicher, Roger will das auch.” Wenn sie wieder hundertprozentig gesund seien, hätten sie noch ein paar gute Jahre vor sich, fügte Nadal hinzu. Aber das war schwer zu glauben.

Doch als im Januar die neue Saison begann, waren beide wieder da – frisch, fit und mit Appetit auf Erfolg wie eh und je. “Ich habe die Matches vermisst, den Wettkampf”, sagte Federer. “Ich mag einfach die große Bühne. Aber mir haben auch die Menschen gefehlt, denen man Woche für Woche auf der Tour begegnet. Ich habe in den vergangenen Jahren viele Freunde gefunden und es ist schön, alle wiederzusehen und wieder dabei zu sein.”
“Das Tennis geht weiter”

Wie sehr der Schweizer der Tour fehlte, spiegelte sich allein schon an den rückläufigen Zuschauerzahlen wider. Die Tour-Finals in London im Winter waren erstmals längst nicht ausverkauft, nicht einmal der Lokalmatador Andy Murray vermochte den Ticketverkauf zu beleben. Als Federer zum Jahresbeginn beim Mixed-Schauturnier, dem Hopman Cup, sein Comeback begann, freuten sich die Veranstalter in Perth gleich über einen neuen Zuschauerrekord. Federer selbst zweifelt indes diesen Federer-Effekt von jeher an: “Der Sport ist größer als ein einzelner Name. Wenn ich mal weg bin, kommt eben ein Anderer. Das Tennis geht weiter.” Doch das ist glattes Understatement. Die Tennis-Tour zittert längst vor dem Moment, an dem Federer tatsächlich den Schläger beiseitelegt.

Federer kam mit den Siegen bei den Australian Open und den Masters-Turnieren in Indian Wells und Miami wieder zurück. Aus dem Nichts, stärker denn je. Dieser 18. Grand-Slam-Titel, um den er fünf Jahre gerungen hatte, nun war er doch noch geschafft. Federer hatte es allen Kritikern gezeigt, die ihn längst abgeschrieben hatten. Wie vor sieben Jahren in Wimbledon, als er im Viertelfinale ausschied und das einem Tennis-Beben gleichkam. Damals lästerten die britischen Medien: “Jetzt sitzt Federers Aura im Pub und trinkt Bier.” Aber Federer ist immer noch da, und nun überschlagen sich die einstigen Kritiker. “Ein Auto hat fünf oder sechs Gänge”, sagt Boris Becker, “Roger aber hat zehn. Er kann immer nochmals hoch schalten, wenn es nötig ist.”

Um in Wimbledon erfolgreich zu sein, hatte Federer auf die komplette Sandplatzsaison verzichtet. Alles war nur auf ein Ziel ausgerichtet: den achten Titel auf seinem Centre Court. Am Sonntag bestreitet Federer sein 1358. Einzel, sein 29. Grand-Slam-Finale beim 70. Grand-Slam-Turnier. Es sind alles Rekorde, und wieder spielt Federer für die Ewigkeit und die Geschichtsbücher. Aber dieses Mal ist es anders, dieses Mal möchte er den Triumph für sich selbst. “Ich kam hierher, um den Pokal zu gewinnen, und nun bin ich nahe dran”, sagte Federer. “Diese Chance will ich nicht verpassen, diesen Titel will ich.”

 

Nachrichtenquelle: http://www.zeit.de/sport/2017-07/roger-federer-wimbledon-finale

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