Der Hamburger “Trümmermörder”: Er versteckte nackte Leichen in den Ruinen

Die Schrecken des Krieges waren noch frisch, da versetzte eine grausame Mordserie die Hamburger wieder in Angst und Schrecken. In den Trümmern der Hansestadt wurden vier entkleidete Opfer mit Drosselspuren am Hals gefunden. Doch keiner meldete sie je als vermisst…

Die Kinder hatten sich warm eingepackt, als sie an diesem frostigen Montag, dem 20. Januar 1947, auf der Baustraße in der Nähe des Hamburger Bahnhofs Landwehr herumtobten. Die Trümmerlandschaft der Millionenstadt bot einen spannenden Spielplatz für Kinder und so stiegen sie irgendwann in den Keller einer Hausruine. Plötzlich machten sie eine grausame Entdeckung: die nackte Leiche einer etwa 18 bis 22 Jahre alten Frau.

Der Kriminalpolizei war sofort klar, dass es sich um ein Gewaltverbrechen handeln musste, und so übernahm sie den Fall. Doch kaum hatten die Beamten losgelegt, da fanden Schrottsammler fünf Tage später im Flur eines Trümmerhauses in der Lappenbergsallee in Eimsbüttel erneut eine Leiche. Diesmal handelte es sich um einen etwa 65 bis 70 Jahre alten Mann, sein Körper war wie der der jungen Frau ebenfalls entblößt. So blieben die Ermittler auch in diesem Fall ohne jeden Hinweis auf die Identität des Opfers.
Die Leichen waren unbekleidet

Etwas hatten sie immerhin festgestellt – eine Gemeinsamkeit der beiden Opfer, die sich erst bei etwas genauerem Hinsehen offenbarte: Beide hatten am Hals eine sehr dünne, etwa drei Millimeter breite Linie. Daraus schlossen die Beamten, dass beide erdrosselt worden waren. Und sie vermuteten, dass es sich in beiden Fällen um den selben Täter handelte.

Mit den beiden Toten war es nicht genug: In den folgenden zwei Wochen wurden zwei weitere Leichen gefunden, ein sechs- bis achtjähriges Mädchen im Fahrstuhlschacht eines zerstörten Hauses in der Billstraße und eine Frau in den Trümmern eines Hauses in der Anckelmannstraße in der Nähe des Bahnhofs Berliner Tor. Auch diese beiden Opfer wiesen entscheidende Ähnlichkeiten mit den anderen auf.
Der Fundort war nicht der Tatort

Die eigentlich erfolgsverwöhnte Hamburger Kripo stand vor einem Rätsel. Sie hatte vier Leichen aus unterschiedlichen Altersgruppen mit gleichen Merkmalen: unbekleidet, dünne Drosselspuren am Hals, nicht identifiziert. Zudem waren die Ermittler sich sicher, dass alle Opfer nicht an den Stellen, an denen man sie aufgefunden hatte, ermordet worden waren. Denn es waren Schleifspuren gefunden worden, aus denen hervorging, dass die Leichen transportiert worden waren. Der Fundort war also nicht der Tatort.

So lange es nicht gelungen war, die Identität der Opfer zu klären, so lange war gar nicht daran zu denken, dem Täter auf die Spur zu kommen. Das wäre höchstens gelungen, wenn er auf frischer Tat ertappt worden wäre. Doch das wäre nicht nur ein sehr großer Glücksfall gewesen, sondern war schlicht unmöglich. Denn nachdem er viermal zugeschlagen hatten, fanden sich keine weiteren Leichen mit seiner Handschrift.

In der Bevölkerung machte sich große Angst breit. Die Polizei riet, nicht mit fremden Durchreisenden mitzugehen und im Dunklen immer auf der Straßenmitte durch die Trümmerlandschaften zu laufen, für den Fall, dass ein Gewalttäter aus den Ruinen stürzen könnte. Solche Ratschläge, die eher die Hilflosigkeit der Behörden demonstrierten, konnten die Hamburger natürlich nicht wirklich beruhigen.
Vier Opfer ohne Identität

Die Polizei der Hansestadt suchte systematisch nach den Identitäten der vier Opfer. Sie ließ auf Bahnhöfen und anderen öffentlichen Stellen in allen vier Besatzungszonen – auch der sowjetischen – 50.000 Plakate mit Fotos aufhängen; auch in den Zeitungen erschienen solche Bilder. Sie forschte nach Personen, die ihre Lebensmittelkarten nicht in Anspruch genommen hatten, denn die waren zum Überleben in der Nachkriegszeit zumindest in Großstädten unabdingbar.

Da die jüngere Frau die Narbe einer Blinddarmoperation hatte, fragte sie in Krankenhäusern nach, ob die Beschreibung vielleicht auf eine ehemalige Patientin passte. Und die Polizei lobte 5000 Reichsmark Belohnung aus, die später verdoppelt wurden, sowie 1000 Zigaretten, für denjenigen, der eine echte Spur zum Mörder geben konnte. Doch alles blieb erfolglos.

Natürlich stellten Ermittler und Medien auch Spekulationen über die Hintergründe der Tat auf. Als wahrscheinlichste Variante galt – und gilt bis heute – dass es sich um Morde innerhalb einer Familie handelte. Denn zumindest dass ein kleines Mädchen nirgends vermisst wurde, war selbst in den ersten Nachkriegsjahren ungewöhnlich.
Opfer wahrscheinlich aus einer Familie

Möglicherweise hatte der Täter die anderen Mitglieder der Familie ermordet, so dass niemand mehr übrig geblieben war, der die anderen als vermisst hatte melden können. In Erwägung wurde aber auch eine andere These gezogen: dass der Täter ein Bewohner aus dem Lager für russische Displaced Persons in der Jungiusstraße gewesen sei.

Dabei handelte es sich um sowjetische Staatsbürger, die während des Krieges nach Deutschland verschleppt worden waren und nun wegen ihrer Ablehnung des kommunistischen Systems nicht mehr dorthin zurückkehren wollten. Auch viele Juden weigerten sich aus Angst vor antisemitischen Übergriffen zurückzugehen.

Solche Personen waren in Teilen der deutschen Bevölkerung nicht eben beliebt. Dass umgekehrt die Opfer aus diesem Kreis kommen könnten, wurde kaum für möglich gehalten, da die Körper der Toten alle in einem gepflegten und gesunden Zustand gewesen waren, was gegen diese zweite Theorie sprach. Denn die Displaced Persons lebten zu dieser Zeit unter Bedingungen in den Lagern, die beispielsweise eine intensive regelmäßige Körperpflege erschwerten.
Hamburger Polizei wird für ihre Arbeit kritisiert

Weil alle Versuche, die Identität der Opfer zu klären, ergebnislos blieben, kam die Polizei auch dem Täter nie auf die Spur. Ein überführter Serienmörder aus dem Zonenrandgebiet, der sich selbst als Täter bezichtigte, musste passen, als er die Tatorte zeigen sollte. Er schied als Mörder aus. Da es nach den vier Morden keine weiteren mehr gegeben hatte, geriet die Mordserie allmählich aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Fünf Jahre später erinnerte das “Hamburger Abendblatt” daran, dass der Täter möglicherweise noch immer in der Hansestadt lebe. 20 Jahre später kritisierte die “Zeit”, die Hamburger Polizei hätte die Verfolgung des Täters zu schnell aufgegeben.

Doch ohne den leisesten Hinweis oder den Hauch einer Spur kommen auch die besten Ermittler nicht weiter. Die Tatsache, dass es nie einen ernstzunehmenden Hinweis auf wenigstens eines der Opfer gegeben hatte, bleibt mysteriös. 20 Jahre nach den Morden sagte der damalige Ermittler, Kriminalrat Hans Lühr, auf die Frage, ob die Akte inzwischen endgültig geschlossen sei: “Das kann man nicht sagen. Sie wird immer im Blickpunkt bleiben. Sie lebt weiter, weil es bisher keine Klärung gab.” Daran hat sich bis heute, mehr als 70 Jahre nach den Morden in Hamburgs Trümmerlandschaft, nichts geändert. Die Akten allerdings sind längst ins Archiv gewandert.

 

Nachrichtenquelle: http://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/wer-war-der-hamburger-truemmermoerder-die-schrecken-des-krieges-waren-noch-laengst-nicht-vergessen-da-versetzte-ein-moerder-die-hamburger-schon-wieder-in-angst-und-schrecken-der-truemmermoerder-brachte-anfang-1947-vier-menschen-um-bis-heute-ist-weder-die-identitaet-des-moerders-noch-die-der-opfer-bekannt-von-focus-online-autor-armin-fuhrer_id_7678234.html

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